Sepp Müller, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sieht aktuell keine Kerosinknappheit in Deutschland. Die Aussage kommt zu einem Zeitpunkt, an dem internationale Warnungen vor Engpässen in der Treibstoffversorgung lauter werden. Für die Reisebranche ist das vorerst eine gute Nachricht – die strukturellen Herausforderungen bleiben aber bestehen.
Kerosin ist der Treibstoff, an dem der gesamte internationale Flugverkehr hängt. Kein Kerosin, keine Flüge – kein Flüge, keine Pauschalreisen, keine Geschäftsreisen, kein Tourismus. Umso aufmerksamer schaut die Branche auf jeden Hinweis, der Versorgungssicherheit in Frage stellt.
Sepp Müller, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Bundestag, hat sich im phoenix-Interview klar positioniert: „Wir werden in Deutschland stand heute keinen Kerosinmangel sehen.“ Eine Aussage, die Beruhigung signalisiert – aber auch einen entscheidenden Vorbehalt enthält: stand heute.
Warum die Debatte gerade jetzt aufkommt
Internationale Warnungen vor möglichen Kerosin-Engpässen sind kein neues Phänomen, gewinnen aber an Schärfe. Hintergrund ist ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren: Die globale Nachfrage nach Flugtreibstoff steigt seit der Erholung nach der Pandemie kontinuierlich, Raffineriekapazitäten wurden in Europa in den vergangenen Jahren teilweise zurückgebaut, und geopolitische Spannungen belasten die Lieferketten.
Für Deutschland gilt bislang: Die Versorgung läuft. Raffinerien im Inland und Importrouten über Nordseehäfen sichern den Nachschub. Dennoch ist die Abhängigkeit von stabilen Handelsbeziehungen und funktionierenden Logistikketten real – ein Punkt, den auch Branchenverbände wie der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) seit Längerem thematisiert.
- Kerosin (Jet A-1) macht rund 20–30 % der Betriebskosten einer Airline aus
- Deutschland verbraucht jährlich mehrere Millionen Tonnen Flugtreibstoff
- Hauptlieferrouten: Nordseehäfen (Hamburg, Rotterdam) + inländische Raffinerien
- Alternatives Sustainable Aviation Fuel (SAF) deckt bislang unter 1 % des globalen Bedarfs
- EU-Regulierung (ReFuelEU Aviation) schreibt ab 2025 schrittweise SAF-Beimischung vor
Was das für die Reisebranche bedeutet
Reiseveranstalter, Airlines und Reisebüros haben in den letzten Jahren gelernt, wie schnell externe Schocks den gesamten Betrieb lahmlegen können. Eine Kerosin-Knappheit wäre ein solcher Schock – mit direkten Folgen für Flugpreise, Kapazitäten und letztlich die Buchungslage.
Müllers Entwarnung ist daher für die Branche relevant. Sie signalisiert, dass auf politischer Ebene keine unmittelbare Krisenlage gesehen wird. Das schafft Planungssicherheit – zumindest kurzfristig.
Die mittelfristige Herausforderung: SAF und Versorgungsdiversifikation
Unabhängig von der aktuellen Lageeinschätzung arbeitet die Branche an langfristigen Antworten. Sustainable Aviation Fuel gilt als der Weg, die Abhängigkeit von fossilen Kerosinquellen zu reduzieren – ist aber noch weit davon entfernt, skalierbar verfügbar zu sein.
- ReFuelEU Aviation schreibt 2 % SAF-Anteil ab 2025 vor, bis 2050 sollen es 70 % sein
- SAF kostet derzeit 3–5× so viel wie konventionelles Kerosin
- Kapazitätsaufbau für SAF-Produktion in Europa läuft, aber langsam
- Airlines wie Lufthansa, Air France-KLM und Ryanair haben SAF-Partnerschaften abgeschlossen
Für die Reisebranche bedeutet das: Treibstoffkosten bleiben ein zentrales Risiko – ob durch Knappheit oder durch steigende SAF-Beimischungspflichten, die den Kerosinpreis mittelbar treiben.
Fazit: Entwarnung mit Verfallsdatum
Müllers Aussage ist eine politische Lageeinschätzung, kein strukturelles Versprechen. Für Reisebüros und Veranstalter heißt das: jetzt nicht in Panik verfallen, aber die Treibstoffthematik weiter im Blick behalten. Wer langfristige Verträge mit Airlines schließt oder Preisgarantien gibt, sollte Kerosin-Risiken weiterhin einkalkulieren – Fuel Surcharges in den AGB sind kein bürokratischer Ballast, sondern Realität.

