Das Wichtigste in Kürze

Vietjet, Vietnams größte Privatairline, hat einen Leasingvertrag über 10 Comac C909 unterzeichnet. Das Volumen ist klein – die Symbolik ist groß. Erstmals bekommt der chinesische Flugzeugbauer einen ernsthaften Kunden außerhalb Chinas, der auch hunderte Airbus- und Boeing-Maschinen betreibt. Was das für die globale Luftfahrtindustrie bedeutet, hängt von einer Frage ab: Schafft Comac die internationale Zulassung?

Zehn Flugzeuge. Auf dem Papier ist der Deal zwischen Vietjet und dem chinesischen Hersteller Comac überschaubar. In der Realität ist er ein Signal, das die Luftfahrtbranche aufhorchen lässt.

Vietjet betreibt mehr als 130 Flugzeuge und hat hunderte weitere bei Airbus und Boeing bestellt. Die Airline ist kein Nischenplayer, sondern einer der am schnellsten wachsenden Low-Cost-Carrier Südostasiens. Genau das macht diesen Vertrag so bedeutsam – nicht das Volumen, sondern der Name auf dem Deckblatt.

Was ist der Comac C909?

Der C909 – früher unter dem Namen ARJ21 vermarktet – ist ein Regionaljet mit 78 bis 97 Sitzen. Comac ist ein staatseigenes Unternehmen, das 2008 gegründet wurde, um China unabhängig von westlichen Flugzeugherstellern zu machen. Der C909 war das erste Produkt, das C919 – ein Narrowbody direkt in Konkurrenz zur A320- und 737-Familie – folgte später.

ZAHLEN & FAKTEN Comac auf einen Blick
2008
Gründungsjahr Comac
Staatseigener Hersteller, gegründet mit dem Ziel, Chinas Luftfahrtindustrie unabhängig aufzustellen.
1 Mio.+
Passagiere C919
Das größere Modell C919 hat seit Inbetriebnahme bereits über eine Million Passagiere befördert.
78–97
Sitze im C909
Regionaler Narrowbody für kurze bis mittlere Strecken – direkt in Konkurrenz zu Embraer und ATR.
2022
Erster Export
TransNusa aus Indonesien nahm als erste ausländische Airline einen C909 in Betrieb – Ende 2022.
Quellen: Comac, Skift, Branchenberichte 2024–2026

Warum Vietjet der entscheidende Kunde ist

Bislang konnte Comac vor allem chinesische Staatsairlines als Abnehmer vorweisen. Internationale Erfolge? Überschaubar. Indonesiens TransNusa nahm Ende 2022 als erste ausländische Airline einen C909 in Betrieb und startete im November 2024 sogar internationale Linienflüge zwischen Manado und Guangzhou. Das war ein Schritt, aber kein Durchbruch.

Vietjet ist anders. Die Airline ist westlich ausgerichtet, fliegt mit Airbus-Fliegern und steht für den Wachstumsmarkt Südostasien. Wenn eine solche Carrier Comac-Jets in ihre Flotte integriert – auch nur als Ergänzung für Vietnam-China-Strecken – sendet das ein anderes Signal als ein Deal mit einer regionalen Nischenairline.

Vietjet testet hier bewusst Comac auf einer politisch naheliegenden Route – Vietnam–China. Das Risiko ist kalkuliert, das Signal nach außen aber groß.

Die bisherige internationale Comac-Kundschaft

  • TransNusa (Indonesien) – erster C909-Export weltweit, seit Ende 2022 im Betrieb
  • Chengdu Airlines (China) – betreibt C909 gemeinsam mit Vietjet auf ausgewählten Strecken
  • Gespräche laufen laut Berichten mit Airlines in Kambodscha, Kasachstan und Indonesien
  • Beim Dubai Airshow 2024 präsentierte Comac den C919 erstmals mit Flugvorführung international

Das eigentliche Ziel: der C919

Der C909 ist für Comac Mittel zum Zweck. Das wirklich strategisch wichtige Flugzeug ist der C919 – ein 150- bis 190-sitziger Narrowbody, der direkt gegen Airbus A320neo und Boeing 737 MAX antritt. Mehr als eine Million Passagiere hat der C919 seit seiner Inbetriebnahme bereits befördert, ausschließlich bei chinesischen Inlandsairlines.

Das Problem: Eine internationale Zulassung durch EASA oder FAA steht aus. Ohne sie kann kein europäischer oder amerikanisch regulierter Markt den Jet einsetzen. Und solange das fehlt, bleibt Comac ein heimischer Champion mit begrenzter Reichweite.

Die Zulassungs-Hürde: Was Comac fehlt

Für den internationalen Betrieb brauchen Flugzeuge eine Musterzulassung der jeweiligen Luftfahrtbehörde. In Europa ist das die EASA, in den USA die FAA. Der C919 hat bislang nur die chinesische CAAC-Zulassung. Gespräche mit der EASA laufen, aber ein Zeitplan ist nicht bekannt. Ohne diese Zulassung können Airlines in vielen Ländern den Jet weder einsetzen noch versichern.

  • CAAC-Zulassung: vorhanden (China)
  • EASA-Zulassung: ausstehend
  • FAA-Zulassung: nicht beantragt

Bedrohung für Airbus und Boeing – oder Hype?

Die ehrliche Antwort: noch keines von beidem. Zehn Leasingflugzeuge auf Vietnam-China-Strecken sind kein Angriff auf den Duopol. Aber der Druck auf Airbus und Boeing kommt aus einer anderen Richtung: Beide Hersteller kämpfen mit massiven Lieferverzögerungen. Airbus hat seine Auslieferungsziele mehrfach nach unten korrigiert, Boeing steckt nach den 737-MAX-Krisen und Qualitätsproblemen tief in der Restrukturierung.

In diesem Vakuum wächst das Interesse an Alternativen – auch wenn diese Alternativen noch nicht zertifiziert sind. Comac sucht gezielt nach genau solchen Momenten.

  • Comac profitiert von westlichen Lieferverzögerungen als Gesprächsöffner
  • Chinas Heimatmarkt – weltgrößter Abnehmer von Flugzeugen – bleibt feste Basis
  • Regionale Jets (C909) als Einstiegspunkt, um Vertrauen international aufzubauen
  • Längerfristiges Ziel: C919 als echte Alternative für Low-Cost-Carrier in Asien
  • Kritischer Engpass bleibt die EASA/FAA-Zulassung des C919

Was als nächstes kommt

Comac verfolgt eine klare Stufenstrategie: erst Regionalflugzeuge in politisch nahe stehende Märkte (Südostasien, Zentralasien), dann schrittweise Glaubwürdigkeit aufbauen, dann den C919 international positionieren. Vietjet ist in dieser Logik ein wichtiger Baustein – kein Endspiel.

Die entscheidende Frage der nächsten fünf Jahre lautet nicht, ob Comac Jets verkaufen kann. Die Frage ist, ob Comac die EASA davon überzeugen kann, dass der C919 denselben Sicherheitsstandards entspricht wie ein Airbus oder Boeing. Bis dahin bleibt der chinesische Jet ein interessantes Experiment mit geopolitischem Hintergrund – aber noch kein echter Wettbewerber im globalen Massenmarkt.

HÄUFIGE FRAGEN

Was ist der Comac C909 und wofür wird er eingesetzt?

Der C909 ist ein Regionaljet des chinesischen Herstellers Comac mit 78 bis 97 Sitzplätzen, der für kurze bis mittlere Strecken konzipiert ist. Er konkurriert mit Flugzeugen von Embraer und ATR und wird bislang hauptsächlich von chinesischen und wenigen internationalen Airlines genutzt.

Warum ist der Vietjet-Vertrag für Comac so bedeutsam?

Vietjet ist eine westlich ausgerichtete, große Low-Cost-Airline Südostasiens, die hauptsächlich Airbus- und Boeing-Flugzeuge betreibt. Ein Vertrag mit solch einer renommierten Airline signalisiert international, dass Comac-Flugzeuge auch von etablierten Carriern als zuverlässig angesehen werden.

Welches Flugzeug ist für Comac strategisch wirklich wichtig?

Der C919 ist Comacs strategisches Flaggschiff – ein 150- bis 190-sitziger Narrowbody in direktem Wettbewerb mit der Airbus A320neo und Boeing 737 MAX. Bislang fehlt ihm aber die internationale Zulassung durch EASA oder FAA, was seine Expansion außerhalb Chinas blockiert.

Welche internationalen Erfahrungen hat Comac bislang gesammelt?

TransNusa aus Indonesien war Ende 2022 die erste ausländische Airline mit einem C909 im Betrieb und flog ab 2024 sogar internationale Linienflüge. Gespräche mit weiteren Airlines in Kambodscha, Kasachstan und Indonesien laufen laut Berichten parallel.
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