Expedia hat seine KI-Strategie grundlegend geändert: Statt eines universellen Reise-Chatbots setzt der Konzern jetzt auf spezialisierte KI-Agenten für einzelne Reisephasen. CEO Ariane Gorin gibt zu, dass Roamie – der 2023 gestartete KI-Trip-Planner – als Gesamtlösung gescheitert ist. Die Erkenntnis dahinter trifft viele Unternehmen, die gerade in KI investieren.
Roamie ist still geworden. Expedia spricht kaum noch über den KI-Chatbot, den der Reisekonzern vor zwei Jahren als großen Wurf vorstellte. Gegenüber Skift hat CEO Ariane Gorin jetzt offen erklärt, warum – und welche Lehren Expedia daraus zieht.
Ein Chatbot für alles? Klingt gut. Funktioniert nicht.
Die ursprüngliche Idee hinter Roamie war simpel: Ein KI-Assistent, der Reisende von der ersten Inspiration bis zur Buchung begleitet. End-to-end, nahtlos, automatisiert. Genau das, was sich viele Reiseunternehmen 2023 für ihre KI-Strategie vorgestellt haben.
Das Problem: Die Realität des Reisens passt nicht in dieses Schema. Laut Gorin wollen viele Reisende bestimmte Teile der Planung selbst in der Hand behalten – oder sie erledigen die Recherche gemeinsam mit anderen. Ein einzelner Chatbot, der alles übernimmt, greift da schlicht zu kurz.
- Roamie startete 2023 als KI-Trip-Planner innerhalb der Expedia-App
- Ziel: vollständige Reiseplanung per Konversation, von der Destination bis zur Buchung
- Ergebnis: Expedia hat die Strategie seitdem grundlegend geändert
- Aktuell: keine öffentlichen Updates oder Weiterentwicklungen zu Roamie kommuniziert
- Expedias Umsatz 2025: 13,4 Milliarden US-Dollar, plus 7,6 % gegenüber Vorjahr
Die neue Strategie: Spezialisierte KI-Agenten statt Generalisten
Expedia setzt jetzt auf sogenannte „Point Agents“ – KI-Module, die jeweils für eine spezifische Phase der Reise optimiert sind. Destination suchen, Hotels vergleichen, Preise checken: Für jeden Schritt ein eigenes Werkzeug, das genau dort ansetzt, wo der Reisende gerade steht.
Das klingt nach einem Rückschritt, ist aber konzeptionell klüger. Wer eine Frage zu Unterkunftspreisen in Lissabon hat, braucht kein System, das gleichzeitig Flüge, Aktivitäten und Restaurantempfehlungen verwaltet. Er braucht eine präzise Antwort auf genau diese eine Frage.
Das eigentliche Problem: Integration ist schwerer als Entwicklung
Gorin benennt einen blinden Fleck, den viele KI-Strategen kennen, aber selten offen ansprechen: Einzelne KI-Tools zu bauen ist lösbar. Mehrere KI-Agenten so zu verbinden, dass sie für Nutzer wie eine kohärente Erfahrung wirken – das ist die eigentliche Herausforderung.
Wer hat das schon gelöst? Stand heute: kaum jemand. Die Übergabe zwischen einem KI-Agenten, der Destinationen empfiehlt, und einem anderen, der Hotelpreise abruft, erzeugt Reibung. Daten gehen verloren, Kontext bricht ab, der Nutzer muss von vorne anfangen. Das frustriert – und das ist teuer.
Was das für Hotels und Reiseunternehmen bedeutet
Expedias Kurswechsel ist kein Einzelfall. Das Muster wiederholt sich gerade branchenweit: Große Versprechungen für KI-Assistenten, dann stille Kurskorrektur, dann Fokus auf enge, messbare Anwendungsfälle.
Für Hoteliers und Reiseveranstalter, die gerade über KI-Investitionen entscheiden, lohnt es sich, genau hinzuschauen, was Expedia hier demonstriert:
- Starte mit einem konkreten Problem, nicht mit dem Ziel „KI einführen“
- Teste früh und mit echten Nutzern – nicht nur intern
- Reisende wollen Kontrolle behalten: KI als Unterstützung, nicht als Ersatz
- Integration mehrerer KI-Tools kostet mehr Zeit als die Entwicklung der Tools selbst
- End-to-end-Automatisierung bleibt ein langfristiges Ziel – nicht der Startpunkt
Vertrauen als Wettbewerbsvorteil
Gorin macht in ihrer KI-Argumentation einen Punkt, der für alle OTAs und Hotelbuchungsplattformen relevant ist: Reisen ist kein Commodity-Kauf. „Travel is not like buying a T-shirt“ – wer etwas bucht, investiert Zeit, Geld und emotionale Energie. Wenn etwas schiefläuft, braucht man einen verlässlichen Ansprechpartner.
Genau da sieht Expedia seinen Vorteil gegenüber reinen KI-Chatbots wie ChatGPT oder Perplexity: Der Konzern hat Daten aus echten Buchungen, echten Bewertungen und echten Reklamationen. Diese Vertrauensbasis lässt sich nicht einfach imitieren.
- Produkt verbessern: KI-Tools, die Reisenden bei Suche und Buchung helfen
- Mitarbeitende stärken: KI als „Superpower“ für interne Teams – schnellere Prozesse, bessere Entscheidungen
- Neue Geschäftsmodelle: Langfristig vollständig KI-gestützte Reiseplanung als Ziel
Roamie war kein Scheitern – sondern Lernen auf Unternehmensebene
Es wäre einfach, Roamie als gescheitertes Produkt abzuhaken. Aber das greift zu kurz. Expedia hat mit Roamie echte Nutzerdaten gesammelt, verstanden, wo KI-Assistenten gerade noch nicht liefern können – und die Strategie entsprechend angepasst. Das ist keine Niederlage, das ist der einzige sinnvolle Weg, um in einem sich so schnell verändernden Feld relevant zu bleiben.
Die Frage für alle anderen: Wer macht gerade denselben Fehler, den Expedia 2023 gemacht hat – und wann kommt die Kurskorrektur?


