Viele Hotels betreiben Revenue Management reaktiv: Preise rauf, wenn's voll ist – Preise runter, wenn Zimmer leer bleiben. Das ist kein RM, das ist Bauchgefühl. Wer langfristig Umsatz maximieren will, muss verstehen, warum Gäste buchen – nicht nur wann.
Die Buchungslage ist schlecht. Also runter mit dem Preis. Die Auslastung steigt. Also rauf mit dem Preis. Klingt logisch – und ist doch einer der häufigsten Fehler im Hotel Revenue Management. Wer nur auf aktuelle Zahlen reagiert, statt Nachfragemuster und Gästeverhalten zu analysieren, lässt systematisch Geld liegen.
Reaktives Pricing: Der Klassiker unter den RM-Fehlern
Ein Revenue Manager, der morgens auf die Belegungskurve schaut und dann Preise justiert, betreibt kein Revenue Management – er betreibt Schadensbegrenzung. Das Problem: Preisanpassungen ohne Kontext treffen selten die richtige Zielgruppe zum richtigen Zeitpunkt.
Wer senkt, wenn die Nachfrage niedrig ist, zieht häufig preissensitive Gäste an, die wenig Zusatzumsatz generieren. Wer erhöht, wenn die Nachfrage steigt, ohne die Buchungsvorlaufzeiten zu kennen, verpasst den Moment, an dem Gäste tatsächlich entscheiden.
- Preisanpassungen ausschließlich basierend auf aktueller Belegung – ohne Blick auf historische Muster
- Keine Segmentierung: Geschäftsreisende, Leisure-Gäste und Gruppen mit denselben Preisregeln behandeln
- Fehlende Pick-up-Analyse: Buchungsgeschwindigkeit wird nicht beobachtet
- Mitbewerber-Rates copy-pasten statt eigene Positionierung zu definieren
- RevPAR als einzige Kennzahl – TRevPAR (Gesamtumsatz pro Zimmer) wird ignoriert
Was Revenue Management wirklich bedeutet
Revenue Management ist die Kunst, das richtige Produkt, zur richtigen Zeit, dem richtigen Gast, über den richtigen Kanal, zum optimalen Preis anzubieten. Diese Definition klingt nach Lehrbuch – aber sie steckt voller Implikationen, die im Alltag gern vergessen werden.
Nachfragemuster verstehen, nicht nur ablesen
Ein einfaches Beispiel: Ein Stadthotel hat jeden Donnerstag hohe Belegung, weil ein festes Messe-Segment bucht. Wer das nicht weiß und Donnerstag-Preise generisch behandelt, vergibt Potenzial. Wer es weiß, kann Mindest-Aufenthaltsdauern setzen, Early-Booking-Anreize für Mittwoch schaffen und Freitag gezielt an Leisure-Gäste ausspielen.
Solche Muster entstehen nicht aus dem Nichts – sie stecken in historischen Buchungsdaten, im Verhalten bestimmter Segmente und in externen Faktoren wie Feiertagen, Events oder Schulferien. Ein gutes RMS (Revenue Management System) liest diese Muster – aber nur ein guter RM interpretiert sie richtig.
Gästeverhalten als Grundlage der Preisstrategie
Wann bucht welches Segment? Wie lang im Voraus? Über welchen Kanal? Welche Rate akzeptiert ein Geschäftsreisender, den seine Firma schickt – und welche ein Paar, das einen Städtetrip plant? Diese Fragen sind keine Theorie. Sie entscheiden darüber, ob deine Raten-Struktur zur realen Nachfrage passt oder daran vorbeizielt.
Technologie hilft – aber sie denkt nicht für dich
Tools wie Duetto, IDeaS G3 oder BEONx (ehemals BeonPrice) automatisieren Pricing-Entscheidungen auf Basis von Algorithmen. Sie analysieren historische Daten, Wettbewerberpreise und Buchungsgeschwindigkeit schneller als jeder Mensch. Das ist ihr Vorteil.
Ihr Nachteil: Sie wissen nicht, dass das Hotel gerade renoviert, dass der Küchenchef gewechselt hat, oder dass eine lokale Veranstaltung kurzfristig abgesagt wurde. Kontextuelles Wissen bleibt menschliche Aufgabe.
- RMS sinnvoll einsetzen: System entscheidet Basispreis, RM-Team setzt Kontext und Ausnahmen
- Regelmäßige Strategy-Calls zwischen RM, Sales und Front Office – nicht nur Zahlen, sondern Interpretation
- Kompetenzen aufbauen: RM-Zertifizierungen (z.B. CRME via HSMAI) für systematisches Grundlagenwissen
- Pick-up-Reports täglich lesen – nicht nur wöchentlich
Warum viele Hotels strukturell schlechte Voraussetzungen haben
Revenue Management scheitert oft nicht am Willen, sondern an der Struktur. In vielen Häusern – besonders im Segment 3 bis 4 Sterne und bei unabhängigen Hotels – liegt RM-Verantwortung beim General Manager, der gleichzeitig HR, Einkauf und Gästebetreuung managt. Tiefgehende Analyse bleibt dann schlicht keine Zeit.
Kettenhotels haben hier einen klaren Vorteil: Zentralisiertes Revenue Management mit dedizierten Cluster-RMs, die mehrere Häuser gleichzeitig betreuen, ist in Gruppen wie Marriott, NH Hotels oder B&B Hotels Standard. Unabhängige Betriebe müssen diesen Nachteil durch Fokus und smarte Tool-Nutzung ausgleichen.
- RevPAR (Revenue per Available Room): Klassiker, aber allein nicht ausreichend
- TRevPAR (Total Revenue per Available Room): Schließt F&B, Spa, Parking ein – zeigt Gesamtumsatzpotenzial
- GOPPAR (Gross Operating Profit per Available Room): Profitabilität statt nur Umsatz
- Booking Window: Durchschnittliche Buchungsvorlaufzeit je Segment – entscheidend für Pricing-Timing
- Pickup-Rate: Wie schnell füllt sich ein Datum auf? Gibt frühe Warnsignale
Der Mindset-Shift, der wirklich etwas verändert
Gutes Revenue Management ist kein technisches Problem – es ist ein Denkproblem. Wer nur auf heute schaut, kann nicht morgen steuern. Wer nur Preise anpasst, ohne Segmente zu verstehen, optimiert die falsche Variable.
Der entscheidende Shift: weg vom Belegungsdenken, hin zum Profitabilitätsdenken. Ein Hotel mit 75 % Auslastung und starkem Zusatzumsatz ist oft profitabler als eines mit 90 % Auslastung auf Discount-Basis. Diese Erkenntnis klingt simpel – aber sie ändert, wie du Preise setzt, welche Kanäle du bevorzugst und wie du mit Gruppen oder OTAs verhandelst.



