Argentinien und Chile entwickeln sich zu ernsthaften Alternativen für Weinreisen – mit Weinbergen auf über 1.000 Metern Höhe, familiengeführten Bodegas und Landschaften, die Europa so nicht bieten kann. Wer Toskana und Bordeaux kennt, sollte Mendoza und das Colchagua-Tal auf die Liste setzen.
Bordeaux im August? Toskana im September? Wer in der Hochsaison nach Europa reist, kennt das Problem: volle Weingüter, reservierte Verkostungsslots und Reisebusse vor der Bodega. Argentinien und Chile funktionieren anders. Hier fährst du stundenlang durch nahezu menschenleere Landschaften, bevor du auf einem Weingut ankommst – und wirst dann oft persönlich empfangen.
Mendoza: Malbec mit Andenblick
Die argentinische Provinz Mendoza ist die bekannteste Adresse für Südamerika-Weinreisen – und das aus gutem Grund. Viele Weinberge liegen hier auf über 1.000 Metern Höhe, die Luft ist trocken, die Sonneneinstrahlung intensiv. Das Ergebnis: Malbec mit einer Struktur und Tiefe, die französische Vergleichssorten selten erreichen.
Wer Mendoza besucht, kombiniert die Weinguts-Touren meist mit dem Blick auf die schneebedeckten Andengipfel im Hintergrund. Das Nebeneinander aus Weinkultur und Hochgebirgslandschaft ist in Europa kaum zu finden. Große Weingüter wie Zuccardi oder Achaval Ferrer empfangen Besucher mit strukturierten Touren, kleinere Familienweingüter oft gar ohne Voranmeldung.
- Höhenlage vieler Weinberge: über 1.000 Meter
- Leitsorte: Malbec (Rotwein), zunehmend auch Torrontés und Cabernet Franc
- Beste Reisezeit: März bis Mai (Ernte) und September bis November (Frühling)
- Anreise: Direktflüge nach Buenos Aires, dann rund 1 Stunde Inlandsflug oder Nachtzug
Cafayate: Wein auf 1.700 Metern
Noch spektakulärer – und noch unbekannter – ist die Region rund um Cafayate in den Valles Calchaquíes im Norden Argentiniens. Hier entstehen einige der höchstgelegenen Weine der Welt, auf bis zu 1.700 Metern Seehöhe. Die Landschaft aus roten Felsformationen, Kakteen und engen Schluchten macht die Anreise selbst zum Erlebnis.
Weinreisende, die Cafayate mit Salta kombinieren – einer der schönsten Kolonialstädte Argentiniens – bekommen beides: authentische Weinkultur und historische Stadtarchitektur. Die Ruta 40, Argentiniens legendäre Fernstraße entlang der Anden, führt direkt durch die Region.
Viele Reisende suchen heute nicht mehr nur klassische Weinverkostungen, sondern intensive Erlebnisse in besonderer Umgebung. Genau das bieten die Weinregionen Argentiniens und Chiles in beeindruckender Weise.
— Christof Sauer, Südamerika Reiseportal
Chile: Pazifik trifft Weißwein
Chile hat eine andere Weingeschichte als Argentinien – und einen anderen Charakter. Hier ist es der Pazifik, der die Weinberge prägt. Der kühle Meereswind und der morgendliche Nebel sorgen für langsames Reifen, niedrige Säure und florale Aromen – besonders bei Sauvignon Blanc und Chardonnay.
Casablanca Valley
Das Casablanca Valley, rund eine Stunde westlich von Santiago, ist Chiles Antwort auf das Burgund – zumindest für Weißweinliebhaber. Die Region liegt zwischen der Hauptstadt und dem Hafenort Valparaíso, was kurze Transfers und gute Hotel-Infrastruktur bedeutet. Weingüter wie Viña Casas del Bosque oder Emiliana arbeiten hier teils biodynamisch.
Colchagua-Tal
Wer Rotwein bevorzugt, fährt ins Colchagua-Tal, etwa drei Stunden südlich von Santiago. Carménère, Chiles eigentliche Leitsorte, gedeiht hier auf kolonialen Haziendas mit eleganter Boutiquehotel-Infrastruktur. Das Tal ist touristisch erschlossen genug, um komfortabel zu reisen – aber noch weit entfernt von europäischer Überfüllung.
Wie du eine Weinreise strukturierst
Südamerika-Weinreisen funktionieren am besten als Mietwagenreisen – das gibt Flexibilität bei Ankunftszeiten und Spontanstopps. Wer nur Weinregionen abfährt, verpasst das Beste: die Kombination mit Natur und Kultur drumherum.
- Mendoza + Cafayate entlang der Ruta 40 verbinden (5–7 Tage)
- Colchagua-Tal + Valparaíso als Chile-Basis (3–4 Tage)
- Frühling (September–November) oder Ernte (März–April) als Reisezeit wählen
- Mischung aus großen Weingütern (Führungen buchbar) und kleinen Familienweingütern einplanen
- Mittagessen auf dem Weingut statt Abendessen in der Stadt – das ist der eigentliche Rhythmus
Was Südamerika anders macht
Die Weinregionen Europas sind nicht schlechter geworden. Aber sie sind voller. Im August in Bordeaux oder der Toskana unterwegs zu sein, bedeutet Massentourismus an den Weingütern, Wartelisten für Verkostungsplätze und Preise, die steigen, je bekannter ein Name wird.
Argentinien und Chile bieten das Gegenteil: kleine Gruppen, persönlich geführte Touren, lange Mittagessen ohne Zeitdruck. Dazu Landschaften – Hochanden, rote Felsschluchten, Pazifikküste – die kein europäisches Weingebiet replizieren kann. Das ist kein Ersatz für Burgund. Das ist eine andere Art zu reisen.


