Im April 2025 zählte das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) 1.776 Unternehmensinsolvenzen – so viele wie zuletzt im Juni 2005. Das Gastgewerbe und die Immobilienbranche verzeichnen neue Höchststände. Berlin sticht mit ungewöhnlich vielen Hotelinsolvenzen heraus. Laut IWH ist bis mindestens Juli 2025 keine Trendwende zu erwarten.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Deutschlands Hotellerie steckt tiefer in der Krise als viele wahrhaben wollen. Drei Prozent mehr Pleiten als im März, zehn Prozent mehr als im Vorjahresmonat – und 82 Prozent über dem Vor-Corona-Schnitt der Jahre 2016 bis 2019. Das sind keine Ausreißer, das ist ein Trend.
April 2025: Schlechtester Monat seit 20 Jahren
Das IWH veröffentlicht monatlich Zahlen zu Unternehmensinsolvenzen in Deutschland – und die April-Daten sind alarmierend. 1.776 Personen- und Kapitalgesellschaften meldeten Insolvenz an. Zum Vergleich: Im Juni 2005, dem bisher schlechtesten Monat des noch jungen Jahrtausends, waren es 1.859.
Noch deutlicher wird das Bild bei den betroffenen Beschäftigten. Deren Zahl lag im April bei mehr als dem Doppelten des April-Durchschnitts aus den Vor-Corona-Jahren 2016 bis 2019 – plus 112 Prozent. Hinter jeder Insolvenz stecken also nicht nur Bilanzen, sondern Arbeitsplätze.
Berlin und Bayern: Regionale Rekorde
Nicht alle Bundesländer trifft es gleich. Das IWH meldet Rekordwerte vor allem in Berlin und Bayern. In Berlin lässt sich der starke Anstieg laut Institut durch ungewöhnlich viele Hotelinsolvenzen erklären. Was genau dahintersteckt – zu hohe Betriebskosten, auslaufende Pandemiehilfen, gestiegene Zinsen für Immobilienfinanzierungen – dazu macht das IWH keine konkreten Einzelangaben. Klar ist: Die Hauptstadt war ohnehin schon vor der Pandemie ein schwieriger Hotelmarkt mit vergleichsweise niedrigen Durchschnittsraten.
Bayern meldet ebenfalls Rekordwerte, ohne dass das IWH hier eine einzelne Branche als Haupttreiber nennt. Die Kombination aus Gastgewerbe und Immobilienwirtschaft dürfte auch dort eine Rolle spielen.
Warum trifft es das Gastgewerbe so hart?
Hotels und Restaurants kämpfen seit 2020 auf mehreren Fronten gleichzeitig. Die Pandemie hat Eigenkapital vernichtet, staatliche Hilfsprogramme liefen aus, Energiekosten explodierten und Fachkräfte sind knapp und teuer. Dazu kommen gestiegene Lebensmittelpreise, höhere Zinsen für Betriebskredite und – in der Hotellerie – die Frage, ob die Nachfrage wirklich so robust ist, wie die Buchungszahlen 2023 und 2024 suggerierten.
- Eigenkapital durch Corona-Jahre aufgebraucht
- KfW-Kredite und Staatshilfen müssen jetzt zurückgezahlt werden
- Energie- und Personalkosten dauerhaft auf höherem Niveau
- Gestiegene Zinsen machen Refinanzierungen teurer
- Fachkräftemangel treibt Lohnkosten hoch
- Rückläufige Konsumlaune bei deutschen Privatreisenden
Kein Ende in Sicht – IWH warnt vor weiteren Pleiten
Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am IWH, sieht aktuell keine Signale für eine Trendumkehr. In der IWH-Pressemitteilung heißt es: „Bis einschließlich Juli mit sehr hohen Insolvenzzahlen zu rechnen ist.“ Das Institut beobachtet die Entwicklung monatlich und wertet dabei auch Frühindikatoren aus, die auf zukünftige Insolvenzen hinweisen.
Was Hotelbetriebe jetzt konkret prüfen sollten
Insolvenz kommt selten über Nacht. Meistens gibt es Monate, in denen die Zeichen erkennbar waren – und nichts passiert ist. Wer früh handelt, hat mehr Optionen: Restrukturierungskredite, Schutzschirmverfahren, Verhandlungen mit Vermietern oder Banken. Wer wartet, bis der Kontokorrentkredit aufgebraucht ist, verliert die Kontrolle.
- RevPAR sinkt, Fixkosten bleiben konstant – gefährliche Schere
- Lieferantenzahlungen verzögern sich – erstes Warnsignal
- Kontokorrentkredit dauerhaft ausgeschöpft – kein Puffer mehr
- Steuernachzahlungen nicht planbar – Liquiditätslücke
- Personalfluktuation steigt – Qualitätsverlust und Mehrkosten
Wer drei oder mehr dieser Punkte bejaht: Sofort Steuerberater und ggf. Restrukturierungsberater einschalten. Das Schutzschirmverfahren nach § 270b InsO erlaubt eine sanierte Weiterführung unter Eigenverwaltung – aber nur, wenn man früh genug handelt.
Strukturproblem, kein Einzelfall
Die aktuelle Insolvenzwelle ist kein Zufall und kein kurzfristiger Ausreißer. Sie ist das Ergebnis mehrerer Jahre akkumulierter Belastungen, die jetzt gleichzeitig fällig werden. Für die Branche bedeutet das: Betriebe, die jetzt überleben, tun es durch konsequentes Kostenmanagement, kluge Finanzierungsstrukturen und – das klingt banal, ist es aber nicht – durch frühzeitiges Hinschauen statt Hoffen.
Das IWH wird die Insolvenzzahlen weiter monatlich veröffentlichen. Wer die Entwicklung verfolgen will: Die IWH-Insolvenztrend-Seite liefert aktuelle Daten und Analysen.

