Intrepid Travel beweist: Ein wertegetriebenes Geschäftsmodell und starke Gewinne schließen sich nicht aus. CEO James Thornton spricht im Skift Global Forum über B-Corp-Zertifizierung, lokale Wertschöpfung und warum der US-Markt der nächste große Wachstumsmotor sein soll. Dazu: ein ehrlich überraschender Blick auf KI in der Reisebranche.
Intrepid Travel ist kein klassischer Reiseveranstalter. Das australische Unternehmen betreibt über 1.100 begleitete Touren weltweit, ist B-Corp-zertifiziert und war 2024 unter den innovativsten Reiseunternehmen der Welt. Und es wächst – nicht trotz seines Purpose-Ansatzes, sondern wegen ihm.
Im Skift Take Sessions-Podcast sprach Skift-Chefredakteurin Sarah Kopit mit Intrepid-CEO James Thornton über das, was das Unternehmen von klassischen Veranstaltern trennt: ein Stakeholder-Modell, das lokale Communities in den Mittelpunkt stellt – und trotzdem schwarze Zahlen schreibt.
Das B-Corp-Modell als Wettbewerbsvorteil
Intrepid ist seit Jahren als B Corporation zertifiziert – ein Standard, der Unternehmen auf soziale, ökologische und wirtschaftliche Verantwortung prüft. Thornton beschreibt das nicht als Marketing-Label, sondern als operatives Steuerungsinstrument.
Das Prinzip: Wert soll nicht nur bei Aktionären ankommen, sondern bei allen Beteiligten – lokalen Guides, kleinen Familienbetrieben, indigenen Communities. Intrepid arbeitet dafür mit hyper-lokalen Partnern und Kleinstunternehmen zusammen, viele davon über langjährige, stabile Beziehungen.
- Gründung: 1989 in Melbourne, Australien
- Mehr als 1.100 geführte Touren in über 100 Ländern
- B-Corp-zertifiziert
- 2024: Founding Partner im WTTC-Programm Together in Travel
- Neue Destinationen 2024: Grönland, Malediven, Westafrika
- Neue Länderbüros, u.a. in Dänemark
- 2024 unter den innovativsten Reiseunternehmen weltweit gelistet
Was das mit Profit zu tun hat? Laut Thornton direkt. Wer lokale Partner langfristig bindet, senkt Qualitätsschwankungen und stärkt die Produktidentität. Wer echte Erlebnisse liefert, bindet Kunden. Und wer Kunden bindet, wächst – ohne Preisdumping.
Wer bucht Kleingruppen-Touren – und warum jetzt?
Thornton benennt zwei Gruppen, die Intrepids Wachstum gerade antreiben:
- Baby Boomer, die nach dem Ende der Pandemie auf immersive Erlebnisse setzen statt auf klassische Pauschalreisen
- Jüngere Reisende, die Reisen vor traditionellen Lebenszielen priorisieren – vor Hauskauf, Karrieresprung oder familiären Meilensteinen
Beide Gruppen verbindet ein Bedürfnis: echte Verbindung. Nicht Poolbuffet und Stadtrundfahrt im Reisebus, sondern Kontakt mit Menschen vor Ort, Kontext zu Orten, Erfahrungen die man nicht googlen kann.
Das erklärt auch, warum das Segment der Multi-Day-Tours post-pandemisch so stark zulegt. Menschen wollen nicht mehr nur Destination-Häkchen sammeln – sie wollen Reisen, die einen Unterschied machen. Für sie selbst. Und idealerweise auch für die Menschen vor Ort.
USA: Das nächste große Kapitel
Thornton nennt den amerikanischen Markt explizit als strategische Priorität. Der Hebel: kürzere, flexiblere Abenteuer-Touren – zugeschnitten auf den typisch knapperen US-Urlaubsrhythmus. Amerikanische Reisende haben im Schnitt weniger Urlaubstage als Europäer, buchen aber bereit für qualitativ hochwertige Erlebnisse zu zahlen.
Intrepid setzt dabei auf Formate, die sich in ein bis zwei Wochen erleben lassen – ohne auf Tiefe zu verzichten. Ob das aufgeht, hängt auch davon ab, wie gut es dem Unternehmen gelingt, seinen Markenkern – Authentizität, Lokalität, menschliche Verbindung – in einem Markt zu kommunizieren, der von großen OTAs und All-inclusive-Angeboten geprägt ist.
KI in der Reisebranche: Ehrliche Ratlosigkeit statt Hype
Einer der interessantesten Momente im Skift-Gespräch: Thornton gesteht offen, dass auch Intrepid noch nicht weiß, wie KI das Produkt verändern wird. Die Branche frage sich noch kollektiv, „what on earth are we going to do“ – eine Formulierung, die man von einem CEO selten hört.
Gleichzeitig ist die Position klar: KI darf nicht das ersetzen, was Intrepid ausmacht. Menschliche Verbindung ist kein Feature, das sich automatisieren lässt. Ein KI-generierter Reiseplan ist nicht dasselbe wie ein Guide, der dich durch seinen Heimatort führt.
- KI kann bei Buchungsprozessen und Logistik helfen
- Kuratierung und Erfahrung vor Ort bleiben menschlich
- Authentizität ist der Kern – und schwer zu skalieren
- Thornton sieht KI als Werkzeug, nicht als Strategie
Das ist eine Position, die mehr Reiseveranstalter ernst nehmen sollten. Wer KI einsetzt, um das Produkt billiger zu machen, verliert genau das, wofür Gäste bereit sind zu zahlen: das Menschliche.
Was die Hospitality-Branche mitnehmen kann
Intrepid ist kein Hotel. Aber das Modell spricht direkt in die Debatte, die auch in Hotellerie und Gastronomie geführt wird: Lohnt sich Purpose? Kostet Nachhaltigkeit Marge? Muss man zwischen Werten und Wachstum wählen?
Thorntons Antwort ist eindeutig: nein. Wer lokale Partner stärkt, differenziert das Produkt. Wer Gäste mit echten Erlebnissen überrascht, erzeugt Loyalität. Wer Loyalität hat, zahlt weniger für Akquise. Das gilt für Reiseveranstalter genauso wie für unabhängige Hotels, Boutique-Restaurants oder Spa-Betriebe.
- Purpose schlägt Preisdumping – Differenzierung über Haltung und Erfahrung schützt die Marge langfristiger als Rabattschlachten.
- Lokale Verankerung ist ein Qualitätsmerkmal – Gäste erkennen und honorieren echte regionale Einbindung.
- KI strategisch einsetzen – Prozesse automatisieren, Kundenerlebnis menschlich halten. Nicht umgekehrt.
