Italiens Wettbewerbsbehörde AGCM hat am 22. April 2026 eine formelle Untersuchung gegen Booking.com eingeleitet. Der Vorwurf: Hotels im Preferred-Partner-Programm erhalten mehr Sichtbarkeit — nicht weil sie bessere Qualität bieten, sondern weil sie höhere Provisionen zahlen. Für Hoteliers und Gäste gleichermaßen relevant.
Dienstag, 22. April 2026. Inspektoren der Autorità Garante della Concorrenza e del Mercato (AGCM) und der Finanzpolizei durchsuchen die Büros von Booking.com in Italien. Am nächsten Tag macht die Behörde die Ermittlung öffentlich — und der Fall landet sofort in den europäischen Branchen-Feeds.
Es ist nicht das erste Mal, dass die AGCM Booking.com unter die Lupe nimmt. Es ist die zweite Untersuchung in dieser Sache — und die Vorwürfe sind diesmal konkreter.
Was die AGCM Booking.com vorwirft
Im Kern geht es um das sogenannte Preferred Partner Program. Hotels, die sich dort einkaufen — sprich: höhere Provisionen an Booking.com zahlen — sollen laut AGCM systematisch besser platziert werden als andere Unterkünfte. Das Problem dabei: Für den Nutzer sieht es aus, als wären diese Hotels schlicht die bessere Wahl.
Konkret ermittelt die Behörde gegen drei Einheiten: Booking.com B.V., Booking.com International B.V. und Booking.com (Italia) S.r.l. Der Vorwurf lautet auf unlautere Geschäftspraktiken — nicht auf kartellrechtliche Verstöße im engeren Sinne, sondern auf Verbrauchertäuschung.
- Hotels im Preferred-Partner-Programm erhalten überproportional hohe Sichtbarkeit in den Suchergebnissen
- Nutzer werden implizit in den Glauben versetzt, diese Hotels seien qualitativ besser — obwohl die Platzierung provisionsbasiert ist
- Die höhere Provisionslast könnte sich direkt auf die Zimmerpreise auswirken und so die durchschnittlichen Übernachtungskosten treiben
- Inspektionen erfolgten gemeinsam mit der Nucleo Speciale Antitrust der Guardia di Finanza
Was das für Hotels bedeutet
Wer als Hotelier auf Booking.com setzt, kennt das Dilemma: Sichtbarkeit kostet. Das Preferred-Partner-Programm ist zwar formal freiwillig — aber wer nicht mitmacht, rutscht in den Suchergebnissen nach unten. Booking.com selbst betont, dass die Teilnahme optional sei und alle Programme den geltenden Vorschriften entsprächen.
Genau das ist der Knackpunkt. Wenn „freiwillig“ in der Praxis bedeutet: „Entweder du zahlst mehr, oder du wirst kaum gebucht“ — ist das dann noch eine echte Wahl?
Provisionsdruck und Preiseffekte
Die AGCM argumentiert, dass die Kosten für höhere Sichtbarkeit nicht spurlos bleiben. Wenn Hotels mehr Provision zahlen, um vorne zu stehen, steigt der Druck, diese Kosten über den Zimmerpreis zu refinanzieren. Am Ende zahlen Gäste möglicherweise mehr — ohne zu wissen, warum.
Was Booking.com bisher dazu sagt
Booking.com hat sich bisher auf die Aussage beschränkt, dass Partnerprogramme freiwillig sind und regulatorischen Anforderungen entsprechen. Konkrete Stellungnahmen zur laufenden Untersuchung liegen noch nicht vor.
Vorgeschichte: Nicht der erste Konflikt mit der AGCM
Bereits in einer früheren Untersuchung hatte die AGCM Booking.com ins Visier genommen. Damals endete das Verfahren mit Zusagen des Unternehmens, bestimmte Praktiken zu ändern. Welche konkreten Maßnahmen umgesetzt wurden — und ob sie ausreichten — prüft die Behörde nun offenbar erneut.
Das Muster ist nicht neu. Auch in anderen EU-Ländern und auf europäischer Ebene steht Booking.com regelmäßig unter kartellrechtlicher Beobachtung. Die Europäische Kommission stufte das Unternehmen unter dem Digital Markets Act als relevanten Gatekeeper ein — mit entsprechenden Pflichten zur Transparenz und Fairness.
Größeres Bild: OTAs und Sichtbarkeits-Ökonomie
Der Fall Booking.com steht exemplarisch für eine Debatte, die die gesamte Hotellerie beschäftigt. Online-Reiseplattformen kontrollieren einen erheblichen Teil der Buchungsstrecke — und damit die Sichtbarkeit von Hotels gegenüber potenziellen Gästen. Wer die Algorithmen kontrolliert, kontrolliert die Nachfrage.
- Booking.com ist laut eigenen Angaben in über 220 Ländern aktiv
- Das Unternehmen gehört zur Booking Holdings-Gruppe, die auch Priceline, Kayak und OpenTable betreibt
- Provisionsraten auf OTAs bewegen sich branchenüblich zwischen 15 und 25 Prozent — Preferred-Programme können diesen Wert nach oben verschieben
- Die EU-Kommission erklärte Booking.com im September 2023 zum Gatekeeper unter dem Digital Markets Act
Booking.com bietet Hotels die Möglichkeit, gegen eine höhere Provisionszahlung besser in den Suchergebnissen platziert zu werden. Preferred Partner erscheinen prominenter, werden häufiger in Empfehlungsmodulen angezeigt und profitieren von zusätzlicher Reichweite. Für Nutzer ist die provisionsbasierte Logik hinter dem Ranking in der Regel nicht transparent sichtbar — genau das kritisiert die AGCM.
Wie es weitergeht
Die Ermittlung läuft. Die AGCM hat sich keine Frist gesetzt, aber solche Verfahren dauern in der Regel mehrere Monate bis zu einem abschließenden Bescheid. Booking.com hat die Möglichkeit, im Verfahren Stellung zu nehmen und gegebenenfalls erneut Zusagen zu machen.
Für die Branche ist der Ausgang relevant: Müsste Booking.com seine Ranking-Logik offenlegen oder das Preferred-Partner-Modell grundlegend ändern, würde das die Spielregeln auf einer der meistgenutzten Buchungsplattformen der Welt verschieben. Ob das am Ende Hotels hilft oder die Kosten nur anders verteilt — das bleibt abzuwarten.



