Gunnar Militz
Gunnar Militz
Gründer & CEO
MCANISM
Gunnar Militz ist Gründer und CEO von MCANISM in Hamburg. Zuvor leitete er einen niederländischen Affiliate Marketing Marktführer im DACH-Bereich. Studium am EBC und an der Shanghai University
Bezug zum ThemaMCANISM betreibt mit Hotel Campaign und Chefs Campaign zwei der wenigen Affiliate-Netzwerke, die konsequent auf Hotellerie und Gastronomie zugeschnitten sind.
Das Wichtigste in Kürze

Die Hotellerie kämpft mit OTA-Provisionen, die Gastronomie mit Warenkörben, die kaum online enden — und alle mit KI-Suchen, die Klicks wegfressen, bevor sie entstehen. Gunnar Militz hat MCANISM 2018 in Hamburg gegründet und mit Hotel Campaign und Chefs Campaign zwei vertikale Affiliate-Netzwerke gebaut, die genau in diese Lücke stoßen. Ein Gespräch über Nischen-Publisher, die aja-Blaupause, Skynet und die Frage, was nach dem Link kommt.

Du hast MCANISM 2018 gegründet, nachdem du mehrere Jahre lang einen niederländischen Affiliate Marketing Marktführer in Deutschland, Österreich und der Schweiz geleitet hast. Was hat dir im klassischen Affiliate-Markt gefehlt, dass du ein eigenes Netzwerk bauen musstest — und warum gleich mit Fokus auf Hotellerie und Gastronomie?

Bei dem Unternehmen habe ich gesehen, wie klassische Netzwerke funktionieren: Sie sind oft „Bauchläden“, die alles von Mode bis Elektronik abdecken. Was fehlte, war die Tiefe. Im klassischen Affiliate-Markt wird Performance oft nur über Masse definiert. Ich wollte ein Netzwerk, das die Sprache einer Branche spricht. 2018 war klar: Die Hotellerie und Gastronomie sind digital extrem unterversorgt, was spezialisierte Performance-Kanäle angeht. Während E-Commerce-Riesen alles optimierten, kämpften Hotels mit starren Strukturen. Wir haben MCANISM gegründet, um genau diese Lücke zu schließen – mit Technologie, die auf die langen Entscheidungswege (Customer Journey) im Reisebereich und die speziellen Anforderungen von F&B-Brands zugeschnitten ist.

Hotels ächzen unter Provisionen von Booking, Expedia & Co. Welche konkreten Stellschrauben hat ein Hotel mit Hotel Campaign in der Hand, die es bei einer OTA nicht hat — und ab welcher Größe lohnt sich der Einstieg überhaupt?

Der größte Unterschied zu OTAs wie Booking ist die Datenhoheit und die Kostenstruktur. Bei einer OTA bist du ein austauschbares Listing; du zahlst hohe Provisionen für Gäste, die dich sonst vielleicht direkt gefunden hätten. Mit Hotel Campaign steuerst du aktiv, wer dich bewirbt. Du kannst gezielt Content-Publisher, Blogger oder Loyalty-Partner incentivieren, die deine Markenwerte transportieren. Du hast die volle Kontrolle über das Messaging und zahlst nur bei Erfolg. Ein Einstieg lohnt sich ab dem Moment, in dem ein Haus etwa 10-15 % seines Umsatzes über OTAs verliert und bereit ist, proaktiv in den Direktvertrieb zu investieren. Eine kritische Masse von etwa 50 Zimmern oder eine starke Special-Interest-Positionierung (z.B. Wellness) ist meistens ein guter Startpunkt.

Bei der Case Study mit aja Resorts habt ihr bewusst auf Nischen-Publisher aus Wellness, Familie und Aktivurlaub gesetzt statt auf reichweitenstarke Portale. Kannst du mit Zahlen sprechen — wie sich KUR, Conversion Rate oder Buchungsvolumen gegenüber generischen Display-Kampagnen verhalten haben?

Die Zusammenarbeit mit aja Resorts hat gezeigt: Reines Branding über Display-Banner verpufft oft. Durch den Fokus auf Nischen-Publisher aus den Bereichen Wellness, Familie und Aktivurlaub haben wir die Streuverluste massiv gesenkt. Während generische Kampagnen oft eine Conversion Rate von unter 2 % haben, konnten wir durch die thematische Relevanz der Publisher die CR auf über 5 % steigern. Das Buchungsvolumen stieg signifikant, weil der Trust-Faktor bei einem spezialisierten Reiseblogger wesentlich höher ist als bei einer anonymen Anzeige auf einem News-Portal. Der KUR (Kosten-Umsatz-Relation) lag dabei stabil unter dem Niveau der gängigen OTA-Provisionen.

Gastronomie ist ein ganz anderes Spiel als Hotellerie: niedrigere Warenkörbe, oft B2B, weniger Online-Buchungsvorgänge. Warum funktioniert Chefs Campaign trotzdem — und welche Publisher-Typen bringen in der Food-Welt tatsächlich Performance?

Gastronomie ist herausfordernd, weil der „Kauf“ oft offline oder über Reservierungstools stattfindet. Chefs Campaign funktioniert trotzdem, weil wir uns auf die gesamte Wertschöpfungskette konzentrieren – auch im B2B-Bereich. Wir nutzen Publisher, die Profi-Köche oder Gastronomen erreichen: Fachportale, Gastro-Blogger oder Tech-Vergleichsseiten. In der Food-Welt bringen zwei Typen Performance: Erstens der „Experte“, der durch Rezensionen oder Tutorials Vertrauen aufbaut, und zweitens die „System-Integration“, also Partner, die direkt in den Beschaffungsprozess oder die Reservierungs-Logik eingebunden sind. Wir messen hier nicht nur den Sale, sondern oft den Lead oder die qualifizierte Interaktion.

Eure Skynet-Technologie arbeitet ohne Drittanbieter-Cookies und ist DSGVO-nativ. Was genau heißt das technisch, und wie reagiert ihr auf die nächste Welle — Server-Side-Tracking, iOS-Restriktionen und das Ende von klassischem Web-Tracking?

Skynet ist unsere Antwort auf die „Cookie-Apokalypse“. DSGVO-nativ bedeutet: Wir tracken ohne personenbezogene Drittanbieter-Daten auf dem Device des Nutzers. Technisch setzen wir auf First-Party-Daten und Server-to-Server-Kommunikation. Wenn ein Klick erfolgt, wird eine anonymisierte ID generiert, die wir serverseitig mit der Transaktion matchen. Damit umgehen wir iOS-Restriktionen (ITP) und das Aus für Third-Party-Cookies. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, was der Browser uns erlaubt zu sehen, sondern wir kommunizieren direkt zwischen unserem System und dem Shop- oder Buchungssystem des Advertisers. Das ist die einzige zukunftssichere Methode, um Attribuierung sauber zu halten. Zusätzlich ist Skynet als Shopify-Partner und ganz einfach und sogar kostenlos über den Shopify App Marktplatz erhältlich.

Du hast öffentlich gesagt: „Made-for-Advertising-Seiten sind kein Drama, sondern Teil des Geschäfts.“ Wie unterscheidet MCANISM seriöse KI-gestützte Content-Publisher von reinen Arbitrage-Seiten — und was passiert bei Verdachtsfällen konkret im Screening-Prozess?

„Made-for-Advertising“-Seiten sind oft verpönt, aber sie zeigen, wo Aufmerksamkeit generiert wird. Der Unterschied zwischen einer Arbitrage-Schleuder und einem seriösen KI-Publisher liegt im Nutzwert. Wir nutzen automatisierte Tools, die das Verhältnis von Content zu Werbung und die Verweildauer analysieren. Wenn eine Seite nur dazu dient, Nutzer durch Klick-Kaskaden zu jagen, fliegt sie raus. Unser Screening-Prozess ist mehrstufig: Erst prüft die Technik auf Plausibilität (Traffic-Quellen, Bot-Verdacht), dann schauen unsere Quality-Manager manuell auf die Inhalte. Verdachtsfälle führen zur sofortigen Pausierung der Auszahlung und einer manuellen Nachprüfung der Leads.

Ihr nutzt KI inzwischen aktiv, um Advertiser und Publisher zu matchen. Was macht die KI besser als ein erfahrener Account Manager — und wo sind die Grenzen, wo ihr bewusst manuell kuratiert?

Unsere KI kann Millionen von Datenpunkten – von historischen Performance-Daten bis hin zu semantischen Inhaltsanalysen – in Millisekunden abgleichen. Sie sieht Muster: „Publisher X funktioniert bei Boutique-Hotels im Alpenraum besonders gut an Dienstagen.“ Das schafft kein Account Manager manuell. Aber: Die KI kennt keine Nuancen von Marken-Ästhetik oder zwischenmenschliche Beziehungen. Wo wir manuell kuratieren, ist bei exklusiven Brand-Partnerschaften. Wenn ein Luxus-Resort nur in einem sehr spezifischen Umfeld stattfinden will, entscheidet der Mensch. Die KI ist der hocheffiziente Motor, der Account Manager ist der Rennfahrer, der die Strategie bestimmt.

Die Shopify-Partnerschaft von November 2025 öffnet euch das E-Commerce-Feld. Wie passt das zur Vertikal-Strategie Hotellerie/Gastro — und wo überschneiden sich Food-Brands auf Shopify mit eurem Chefs-Campaign-Universum?

Die Shopify-Partnerschaft ist die logische Erweiterung unserer Vertikal-Strategie. Viele moderne Gastro-Konzepte und Hotel-Brands verkaufen heute Merchandising, eigene Food-Lines oder Gutscheine online. Ein Hotel ist heute oft auch ein Retailer. Mit Chefs Campaign decken wir die Food-Brands ab, die über Shopify skalieren wollen – etwa Gewürzmanufakturen oder Ghost-Kitchen-Franchises. Die Überschneidung ist riesig: Ein Publisher, der über das beste Olivenöl schreibt (Chefs Campaign/Shopify), ist oft derselbe, der auch Tipps für Foodie-Reisen gibt (Hotel Campaign). Wir verknüpfen diese Welten auf einer technischen Plattform.

Wenn du ein kleines Boutiquehotel oder ein Restaurant mit 30.000 Euro Jahresbudget berätst: Wie viel davon sollte in Affiliate fließen, und welche ersten drei Schritte wären pragmatisch — ohne dass jemand sofort eine eigene Tracking-Infrastruktur bauen muss?

Mit 30.000 Euro Jahresbudget musst du extrem spitz vorgehen. Ich würde ca. 20-30 % (also 6.000 - 9.000 €) in Affiliate-Marketing stecken, primär auf CPO-Basis (Cost per Order). Drei pragmatische Schritte:

Identifikation: Wer sind deine 10 wichtigsten lokalen oder thematischen Fürsprecher (Blogger, lokale Guides)?

Standard-Schnittstelle: Nutze vorhandene Plug-ins (wie für Shopify oder gängige IBEs), um ohne IT-Projekt trackingfähig zu sein.

Anreize setzen: Biete diesen Partnern nicht nur Provision, sondern Mehrwerte (z.B. exklusive Pakete für deren Leser), um die Conversion Rate von Anfang an hochzuhalten.

Blick nach vorn: Google hat AI Mode live, Perplexity und ChatGPT beantworten Reisefragen direkt. Wo liegt in fünf Jahren der Traffic, von dem Hotels und Restaurants buchen — und wie sieht ein Affiliate-Publisher in 2031 aus?

In fünf Jahren wird Traffic nicht mehr „gesucht“, sondern „serviert“. KI-Assistenten wie Perplexity oder ChatGPT-Nachfolger werden Reiseentscheidungen auf Basis von Echtzeit-Verfügbarkeit, persönlichem Geschmack und sozialen Signalen treffen. Der klassische Link-Publisher stirbt aus. Der Affiliate der Zukunft ist ein „Data- & Trust-Node“. Das kann eine KI-Persona sein, die personalisierte Empfehlungen gibt, oder eine hochspezialisierte Community-Plattform. Wir bei MCANISM bereiten uns darauf vor, indem wir unsere Technologie so bauen, dass sie keine Webseiten mehr braucht, um zu funktionieren – wir müssen dort präsent sein, wo die KI ihre Informationen bezieht.

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