Innerhalb der Reise- und Hospitality-Branche öffnet sich gerade eine Schere: Eine Handvoll Unternehmen – darunter Airbnb, Amadeus, SNCF, Expedia und Booking.com – investiert ernsthaft in KI-Weiterbildung für ihre Belegschaft. Die große Mehrheit tut es nicht. Wer jetzt nicht aufholt, riskiert einen strukturellen Nachteil, der schwer zu korrigieren sein wird.
Tief in Airbnbs Karriere-Seite steckt ein Job-Bereich mit dem Namen „AI for Non-Developers“. Er liegt innerhalb von BizTech und baut KI-Agenten, Research-Tools und Task-Automation – explizit für Beschäftigte, die keine Entwickler sind. Die Stellenausschreibungen nennen Claude beim Namen, erwähnen das Model Context Protocol und beschreiben eine interne KI-Produktsuite, die Workday, Greenhouse, Qualtrics und Airtable zusammenführt.
Das ist kein Chatbot für Reisende. Das ist ein dediziertes Engineering-Team, das KI-Tools für die eigenen Mitarbeitenden baut – mit derselben Produktdisziplin, die Airbnb für seine Gäste-Produkte aufwendet. Und es ist kein Einzelfall.
Die Vorreiter: Was sie konkret tun
Laut einer Analyse von Skift, die Stellenausschreibungen und öffentliche Programme mehrerer großer Travel-Unternehmen ausgewertet hat, lassen sich klar zwei Gruppen erkennen: die, die KI-Readiness aktiv aufbauen – und die, die KI vor allem zum Stellenabbau nutzen.
Was „echtes“ KI-Upskilling bedeutet
Der Unterschied zwischen Unternehmen, die KI ernst nehmen, und solchen, die nur reden, zeigt sich in konkreten Maßnahmen. Echtes Upskilling hat mehrere Ebenen:
Tools für alle – nicht nur für Entwickler
Airbnbs „AI for Non-Developers“-Team ist ein gutes Beispiel dafür, wie es aussieht, wenn ein Unternehmen KI wirklich für die gesamte Belegschaft aufbaut. Die Stelle eines Staff AI Innovation Engineers im Bereich Employee Experience ist laut Stellenbeschreibung damit beauftragt, „das nächste Betriebssystem von Airbnb intern zu entwickeln“. Das klingt groß – und das ist es auch.
Organisationale Veränderung mitdenken
Hier liegt eine strukturelle Lücke der gesamten Branche: Die Travel-Industrie stellt kaum Change-Management-Experten ein, die KI-Adoption begleiten. Verglichen mit Tech- und Medienunternehmen hat der Sektor laut Skift den größten KI-Skills-Gap überhaupt. Neue Tools einzuführen, ohne die Organisation darauf vorzubereiten, scheitert regelmäßig.
- Klare Kommunikation, welche Aufgaben KI übernimmt – und welche nicht
- Schulungen, die Mitarbeitende aktiv einbinden, statt sie passiv beschulen
- Pilotphasen mit echten Feedback-Schleifen vor dem Roll-out
- Dedizierte Ansprechpersonen für Fragen und Unsicherheiten im Alltag
- Transparenz über den Zeitplan – keine Überraschungen
Die Schere öffnet sich – schnell
Das eigentlich Beunruhigende an der Skift-Analyse: Bei den meisten großen Travel-Unternehmen gibt es schlicht keine öffentlich dokumentierten internen KI-Readiness-Programme. Keine Stellenanzeigen für KI-Trainer, keine Enablement-Teams, keine erkennbare Strategie, wie die bestehende Belegschaft auf KI vorbereitet werden soll.
Was dagegen häufig zu finden ist: Stellenabbau, der mit KI begründet wird. Das sind zwei sehr verschiedene Strategien – und sie führen in sehr verschiedene Richtungen.
Was das für Fachkräfte in der Branche bedeutet
Für alle, die gerade in Hotellerie, Gastronomie oder Travel arbeiten: Die Frage ist nicht mehr, ob KI kommt. Sie ist da. Die relevante Frage ist, ob dein Arbeitgeber dir hilft, damit umzugehen – oder ob du dir selbst helfen musst.
KI-Kompetenz wird zum Pflichtprogramm – ähnlich wie Excel vor zwanzig Jahren. Wer sie nicht aufbaut, verliert mittelfristig an Relevanz, egal in welcher Rolle.
Das bedeutet konkret:
- Prompt-Engineering lernen – auch ohne Coding-Kenntnisse umsetzbar
- KI-Tools im eigenen Arbeitsalltag aktiv ausprobieren (Zusammenfassungen, Recherche, Kommunikation)
- Verstehen, welche Aufgaben KI gut kann – und wo menschliche Einschätzung unersetzbar bleibt
- Arbeitgeber gezielt fragen: Gibt es ein internes KI-Schulungsangebot? Wenn nein – warum nicht?
- Externe Lernressourcen nutzen: Google AI Essentials, Microsoft Copilot-Trainings, Coursera-Kurse zu Generativer KI
Der Vergleich mit anderen Branchen zeigt das Ausmaß
Zur Einordnung: In der Finanzbranche hat Citigroup bereits 175.000 Mitarbeitende in Prompt Engineering geschult. JPMorgan, Bank of America und Wells Fargo haben ähnliche groß angelegte Programme aufgesetzt. Diese Zahlen stammen aus einer Analyse zu KI-Upskilling in wissensintensiven Sektoren.
Verglichen damit wirkt der Travel-Sektor noch deutlich zurückhaltender – und das, obwohl KI für personalintensive Dienstleistungsbranchen besonders transformatives Potenzial hat. Gäste-Kommunikation, Revenue Management, Buchungsabwicklung, interne Abläufe: Fast jeder Bereich hat konkrete Anwendungsfälle.
Was jetzt zu tun ist
Für Unternehmen in Hotellerie und Gastronomie gilt: Die Frage, ob KI eingeführt wird, ist entschieden. Die Frage, die offen ist: Wer begleitet die Belegschaft dabei – und wer nicht?
Die Vorreiter zeigen, wie es geht. Airbnbs Ansatz, ein eigenes Team für interne KI-Tools aufzubauen, das nicht für Gäste, sondern für Mitarbeitende entwickelt, ist übertragbar – auch auf kleinere Betriebe, mit weniger Aufwand. Ein internes KI-Pilotprojekt, das konkrete Alltagsaufgaben automatisiert, kostet oft weniger als erwartet. Was es braucht: jemanden, der es anschiebt.

