Label Gamelle startete 2020 in Paris. Das Sozialunternehmen beschäftigt obdachlose Menschen und Geflüchtete, verarbeitet überschüssige Lebensmittel und kocht heute mehr als 2.500 Mahlzeiten pro Tag.
Christine Merckelbagh kommt aus der Versicherungswelt, hat an der Ferrandi Paris Kochen gelernt und setzt auf ein genossenschaftliches Modell ohne Aktionäre. Rund 80 Prozent der Teilnehmenden haben nach 18 Monaten Wohnung und Job.
Warum Label Gamelle auffällt
Die Idee ist simpel, aber unbequem für die Branche: Essen, das sonst im Müll landet, wird zur Mahlzeit. Und der erste Job für viele Menschen in Frankreich entsteht genau dort, wo andere nur Kosten sehen.
Christine Merckelbagh beschreibt den Bruch offen. Vorher arbeitete sie bei AXA, Crédit Agricole und Generali. Dann wechselte sie in die Küche. Nicht aus Imagegründen, sondern weil sie ein anderes Geschäftsmodell wollte.
Gründung: 2020 in Paris
Ausgangslage: 6 Mitarbeitende und 80 Mahlzeiten pro Tag
Heute: mehr als 2.500 Mahlzeiten täglich
Personal: Beschäftigung von obdachlosen Menschen und Geflüchteten
Ergebnis: rund 80 % mit Wohnung und Job nach 18 Monaten
So funktioniert das Modell
Label Gamelle arbeitet als Genossenschaft. Das heißt: keine Aktionäre, keine Dividende für Außenstehende, keine klassische Gewinnlogik. Die Leute, die dort arbeiten, gehören zur Gesellschaft selbst. Laut Interview gilt das Prinzip „one person one vote“.
Was das im Alltag heißt
- Die Küche verwertet überschüssige Lebensmittel.
- Das Team beliefert Unterkünfte, Kinderhilfsstrukturen und Studierende mit Bedarf.
- Neue Mitarbeitende bekommen Hilfe bei Papieren, Konto, Sozialversicherung, Wohnung und Sprachkursen.
- Der Einsatz dauert meist bis zu 18 Monate, maximal zwei Jahre.
Das ist der Teil, den viele Projekte überspringen: Erst kommt das administrative Chaos, dann der Job. Bei Label Gamelle gehört beides zusammen. Klingt unsexy. Ist aber genau der Punkt.
Wer dort arbeitet
Im Interview sagt Merckelbagh, dass alle Beschäftigten bei ihrer Ankunft obdachlos sind. Rund 70 Prozent sind Geflüchtete aus mehr als 20 Ländern. Viele sprechen kein Französisch. Für die Küche heißt das: Einarbeitung beginnt nicht am Herd, sondern beim Ankommen.
Warum das für Hospitality relevant ist
Die Branche redet gern über Personalnot. Label Gamelle zeigt einen anderen Weg: soziale Integration als Teil des Geschäfts. Nicht als CSR-Anstrich, sondern als Betriebsmodell.
Was die Zahlen zeigen
Die Entwicklung ist klar. Der Start mit 80 Mahlzeiten pro Tag war klein. Heute produziert das Team mehr als 2.500 Mahlzeiten täglich. Gleichzeitig liegt die Quote für Wohnung und Arbeit nach 18 Monaten bei etwa 80 Prozent. Das ist stark, auch wenn das Modell auf intensive Betreuung setzt.
- 2020: Start mit sechs Personen.
- 2.500+: Mahlzeiten pro Tag heute.
- 70 %: Geflüchtete im Team.
- 80 %: mit Wohnung und Job nach 18 Monaten.
Die Interviewpassage legt noch etwas offen: Merckelbagh wird das Unternehmen nie reich machen. Genau das ist gewollt. Für sie zählt, dass Wert im Team bleibt und Arbeit wieder Würde bringt.
Was andere Betriebe daraus mitnehmen können
1. Essen mit Zweck koppeln
Überschüsse zu verwerten spart nicht automatisch Personal oder Geld. Aber es schafft einen klaren Grund, warum der Betrieb existiert. Das hilft nach innen wie nach außen.
2. Onboarding breiter denken
Wer Menschen aus schwierigen Lebenslagen einstellt, braucht mehr als einen Dienstplan. Bürokratie, Sprache und Wohnen gehören mit auf die Liste.
3. Erfolg anders messen
Nicht nur Teller pro Stunde zählen. Auch Stabilität, Anschluss und der nächste Job sagen etwas über die Qualität eines Betriebs.
Für Hotels, Caterer und Küchen mit großem Ausschuss ist das kein romantisches Modell. Es ist aufwendig. Aber es zeigt, was passiert, wenn man Food Waste und Integration nicht getrennt behandelt.

