Havila Voyages hat Ende 2025 eine 12-tägige Küstenreise von Bergen nach Kirkenes vollständig mit Biogas betrieben – und dabei die CO₂-Emissionen um über 90 % gesenkt. Technisch ist emissionsarmes Kreuzfahren auf kleineren Schiffen damit machbar. Das eigentliche Problem: Die Infrastruktur, um Biogas im nötigen Maßstab zu produzieren, fehlt noch. Norwegen hat sein Ziel für emissionsfreie Fjord-Kreuzfahrten derweil auf 2032 verschoben.
Es ist wohl die längste Biogas-Passagierreise, die jemals durchgeführt wurde. Die Havila Polaris legte Ende 2025 die komplette norwegische Küstenroute von Bergen nach Kirkenes zurück – zwölf Tage, rund 2.500 Kilometer, nahezu ohne fossile Brennstoffe. Laut Havila Voyages sank der CO₂-Ausstoß im Vergleich zu konventionellem Schiffstreibstoff um mehr als 90 %.
Das klingt nach einem Durchbruch. Und technisch ist es das auch. Aber die eigentliche Geschichte beginnt erst danach.
Was Biogas im Vergleich zu klassischen Schiffstreibstoffen leistet
Kreuzfahrtschiffe verbrennen üblicherweise Schweröl (Heavy Fuel Oil) oder Flüssiggas (LNG). Beide Varianten stoßen erhebliche Mengen CO₂, Stickoxide und Feinstaub aus. Schweröl gilt als einer der dreckigsten Treibstoffe überhaupt – und wird weltweit noch immer auf Millionen Seemeilen eingesetzt.
Biogas entsteht aus organischen Abfällen wie Klärschlamm, Lebensmittelresten oder Gülle. Beim Verbrennen gibt es zwar ebenfalls CO₂ frei – aber das wurde zuvor aus der Atmosphäre gebunden, was die Nettobilanz drastisch verbessert. Gegenüber Schweröl können die Treibhausgasemissionen je nach Produktionsweg um 70 bis über 90 % sinken.
- 4 Schiffe betreibt Havila Voyages auf der Route Bergen–Kirkenes
- Bis zu 4 Stunden Null-Emissionen-Betrieb dank Batteriesystemen möglich
- 90 %+ CO₂-Reduktion auf der 12-tägigen Biogas-Reise im Vergleich zu konventionellem Treibstoff
- Ca. 0,3 Terawattstunden Biogas pro Jahr würden alle vier Schiffe benötigen
- Norwegens gesamte Biogas-Produktion lag 2024 bei ca. 0,88 Terawattstunden (Angabe: Havila Voyages)
Das Skalierungs-Problem: Vier Schiffe schlucken ein Drittel Norwegens
Hier liegt der Haken. Und er ist groß.
Havilas vier Schiffe würden laut Unternehmensangaben jährlich rund 0,3 Terawattstunden Biogas benötigen. Norwegens Gesamtproduktion lag 2024 bei etwa 0,88 Terawattstunden. Vier Küstenschiffe auf einer einzigen Route würden damit gut ein Drittel der nationalen Versorgung aufbrauchen.
Scaling production is the key challenge. The biogas exists, but the infrastructure to produce it at scale is not there yet.
– Lasse Vangstein, Chief Communications & Sustainability Officer, Havila Voyages (Quelle: Skift)
Das ist kein Einzelfall. Die gesamte Kreuzfahrtbranche steht vor derselben Frage: Woher soll der saubere Treibstoff kommen, wenn die Flotten wachsen und die Regulierung strenger wird?
Norwegen verschiebt das Ziel – von 2026 auf 2032
Ursprünglich sollte ab 2026 kein konventionell betriebenes Kreuzfahrtschiff mehr durch Norwegens Nationalfjorde fahren dürfen. Das war ambitioniert – vielleicht zu ambitioniert. Unter Druck der Branche verschob die norwegische Regierung das Datum auf 2032.
Sechs Jahre mehr Zeit. Das klingt nach Rückschritt. Ist aber auch eine Reaktion auf die Realität: Die Technologie ist zwar vorhanden, aber die Infrastruktur für die Versorgung ist es nicht. Weder Biogas noch grüner Wasserstoff stehen in den Mengen bereit, die eine ganze Kreuzfahrtsaison in den Fjorden erfordern würde.
Ab 2032 sollen nur noch emissionsfreie Schiffe durch Norwegens Fjorde fahren dürfen.Wer sonst noch in Richtung Null steuert
Havila ist nicht allein. Hurtigruten, ebenfalls auf der norwegischen Küstenroute aktiv, hat sich das Ziel gesetzt, bis etwa 2030 ein emissionsfreies Schiff im Betrieb zu haben. CEO Hedda Felin formulierte es klar: „Die Kreuzfahrtindustrie ist ein erheblicher Umweltverschmutzer, und es ist entscheidend, dass wir jetzt große Schritte unternehmen.“
Auch international tut sich etwas: Einige Reedereien setzen auf LNG-betriebene Neubauten, andere testen Shore-to-Ship-Stromversorgung in Häfen, um im Liegeplatz keine Hilfsmotoren laufen zu lassen. KI-gestützte Routenoptimierung reduziert den Treibstoffverbrauch zusätzlich – nicht dramatisch, aber messbar.
- Biogas – Havila Voyages (Küstenroute Norwegen), bis zu 90 % CO₂-Einsparung
- Batteriesysteme – Hybridantrieb für bis zu 4 Stunden Null-Emissionen-Betrieb
- LNG (Flüssiggas) – Schrittweise Einführung bei größeren Flotten, ca. 20–25 % weniger CO₂ als Schweröl
- Shore Power – Landstrom im Hafen statt Hilfsgeneratoren
- KI-Routenoptimierung – Kraftstoffeinsparungen durch datengestützte Fahrtplanung
- Grüner Wasserstoff / Ammoniak – Langfristige Option, derzeit noch nicht im kommerziellen Skalierungseinsatz
Was das für die Branche bedeutet
Havilas Biogas-Reise ist ein echtes Signal – aber kein Beweis, dass das Kreuzfahrtsegment seinen Emissionspfad im Griff hat. Das Gegenteil ist der Fall: Die Lücke zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem, was die Infrastruktur liefern kann, wird in den nächsten Jahren zum zentralen Engpass.
Für Reedereien, die in neue Schiffe investieren, stellt sich die Frage: Mit welchem Treibstoff fahren wir in zehn Jahren? LNG-Investitionen könnten sich als Übergangslösung herausstellen, die zu früh abgelöst wird. Biogas ist sauber, aber knapp. Wasserstoff ist noch nicht alltagstauglich.
Wer die Fjord-Deadline 2032 ernst nimmt, muss jetzt in Biogas-Produktion, Elektrolyseure und Hafeninfrastruktur investieren – nicht erst, wenn das erste Schiff anlegt und kein Treibstoff da ist.
