Das Wichtigste in Kürze

Die sogenannte „Neither Economy“ beschreibt Millionen Menschen, die grenzüberschreitend leben – weder klassische Touristen noch Einwanderer. Die Reisebranche erfasst sie kaum, obwohl sie erhebliche Reise- und Geldströme auslösen. Ein neuer UN-Bericht und Skift-Analysen zeigen, wie groß dieser blinde Fleck wirklich ist.

Eine philippinische Krankenpflegerin arbeitet in Dubai. Sie schickt jeden Monat 400 Dollar nach Hause, fliegt zweimal im Jahr über einen Golf-Hub nach Manila, hat keine portable Sozialversicherung – und als der Iran-Krieg am 28. Februar 2025 den Flugverkehr am Golf störte, traf das sie in derselben Woche: kein Geldtransfer, kein Flug nach Hause.

Dieses Bild stammt aus dem UN ESCAP Annual Economic and Social Survey of Asia and the Pacific 2026 – und es bringt ein grundlegendes Problem der Reisebranche auf den Punkt: Wir haben keine Sprache für Menschen wie sie.

Weder Tourist noch Einwanderer – das ist das Problem

Die Reisebranche arbeitet mit Kategorien: Leisure-Reisende, Business-Traveller, VFR (Visiting Friends & Relatives). Letztere Kategorie ist eigentlich der Versuch, Menschen wie die Dubaierin zu erfassen – aber sie reduziert ein komplexes, transnational vernetztes Leben auf einen simplen Reisezweck.

Skift nennt dieses Segment treffend die Neither Economy: Menschen, die weder klar als Touristen noch als Einwanderer gelten. Sie pendeln. Sie schicken Geld. Sie buchen Flüge zu Terminen, die von Schichtplänen, Visumsfristen und Schulferien auf zwei Kontinenten abhängen – nicht von Urlaubslust.

Was die Neither Economy ausmacht
  • Migrantische Arbeitnehmer mit regelmäßigen Heimflügen (oft 1–3× pro Jahr)
  • Bi-nationale Familien, die Kinder zwischen Ländern pendeln lassen
  • Pflegekräfte, Bauarbeiter, Haushaltshilfen in Gulf-Staaten, Ostasien, Europa
  • Reisemuster: stark saisonal, hub-abhängig, preissensitiv, oft Gruppen-Buchung
  • Geldflüsse: Remittances und Reisekosten sind eng verknüpft – Störungen treffen beides gleichzeitig

Der UN-Bericht sieht vier Probleme – aber nicht die eine Person dahinter

Der 200-seitige UN-Bericht analysiert APAC-Wachstum (verlangsamt auf 4 % in 2026), Rücküberweisungen, Arbeitsmobilität, digitale Zahlungssysteme und soziale Absicherung – in vier getrennten Kapiteln als vier getrennte Policy-Probleme.

Das ist strukturell korrekt, aber analytisch blind. Denn für die Krankenpflegerin aus Manila sind das keine vier Probleme. Es ist ein Leben.

Die Reisebranche optimiert für Personas, die sie kennt. Die Neither Economy ist keine Persona – sie ist eine Realität, die sich Kategorien verweigert.

Warum das für die Reise- und Hotelbranche relevant ist

Man könnte denken: Migrantische Arbeitnehmer buchen Low-Cost, schlafen günstig, interessieren Hotels und Airlines nur am Rande. Das wäre falsch.

  • Volumenstärke: Allein im Golf-Korridor fliegen jährlich mehrere Millionen Arbeitnehmer aus Süd- und Südostasien. Viele davon mehrfach.
  • Hub-Abhängigkeit: Diese Passagiere machen Dubai, Doha und Abu Dhabi zu dem, was sie sind – ohne sie bricht das Transfermodell der Gulf-Airlines zusammen.
  • Unsichtbare Buchungskanäle: Viele Neither-Economy-Reisende buchen über informelle Netzwerke, WhatsApp-Gruppen, Community-Reisebüros. OTAs und GDS erfassen sie nicht.
  • Remittance-Reise-Kopplung: Störungen im Zahlungsverkehr (Sanktionen, Bankensperren, Währungskrisen) treffen direkt die Buchungsbereitschaft.

VFR reicht nicht – neue Metriken sind überfällig

Die Kategorie „Visiting Friends & Relatives“ wurde eingeführt, um Reisen jenseits von Urlaub und Business zu erfassen. Sie ist über 40 Jahre alt und spiegelt eine Welt wider, in der Migration eine Ausnahme war, nicht ein strukturelles Merkmal globaler Arbeitsmärkte.

Was fehlt:

  • Reisemuster, die zirkuläre Migration abbilden (nicht nur Hin- und Rückflug)
  • Verknüpfung von Remittance-Daten mit Buchungsvolumen
  • Messung informeller Buchungskanäle (Community-Travel-Agents, WhatsApp-Gruppen)
  • Portable Social Security als Reiseinfrastruktur – wer keine Absicherung hat, fliegt anders
  • Interoperable digitale Zahlungssysteme für grenzüberschreitende Geldtransfers

Was die Branche tun kann

Konkrete Schritte sind möglich – ohne dass erst eine UN-Resolution verabschiedet werden muss.

Daten neu erheben

Airlines wie Emirates, Air Arabia oder Cebu Pacific kennen ihre Neither-Economy-Passagiere. Sie buchen regelmäßig, auf denselben Routen, zu ähnlichen Zeiten. Diese Muster lassen sich analysieren – wenn man anfängt, danach zu fragen.

Produkte anpassen

Flexible Umbuchungsoptionen, günstige Gepäcktarife für Heimreisen mit Waren, Mehrsprachigkeit im Buchungsprozess, Kooperationen mit Remittance-Diensten: Das sind keine sozialen Wohltaten, sondern Produkt-Features für ein zahlungswilliges Segment.

Advocacy in der Policy

Der UN-Bericht empfiehlt portable Sozialversicherung und interoperable Zahlungssysteme. Für die Reisebranche sind das keine abstrakten Policy-Fragen – wer mobiler reisen kann und einfacher Geld transferieren kann, fliegt mehr. Airlines und OTAs hätten ein ökonomisches Interesse, diese Reformen zu unterstützen.


UN ESCAP Survey 2026: Wichtige Makrodaten für APAC
  • Wachstumsprognose APAC 2026: 4 % (verlangsamt gegenüber Vorjahren)
  • Treiber der Verlangsamung: Iran-Krieg → Öl-, Fracht- und Währungsmärkte
  • Policy-Empfehlung: Nachfragegetriebenes Wachstum durch regionale Binnennachfrage statt Exportabhängigkeit vom Westen
  • Themen im Bericht: Rücküberweisungen, Arbeitsmobilität, Tourismus, Handel, digitale Zahlungen, Sozialschutz
  • Portable Social Security: explizit als Policy-Priorität für grenzüberschreitende Arbeitnehmer empfohlen

HÄUFIGE FRAGEN

Was ist die Neither Economy im Reisekontext?

Die Neither Economy beschreibt Menschen, die grenzüberschreitend leben – weder als klassische Touristen noch als Einwanderer. Dazu gehören migrantische Arbeitnehmer, bi-nationale Familien und zirkuläre Pendler, deren Reisemuster und Buchungsverhalten in bestehenden Branchenkategorien nicht auftauchen.

Warum reicht die VFR-Kategorie nicht mehr aus?

VFR (Visiting Friends & Relatives) ist über 40 Jahre alt und wurde für eine Welt entwickelt, in der Migration eine Ausnahme war. Sie bildet zirkuläre Migrationsmuster, informelle Buchungskanäle und die Kopplung von Geldtransfers und Reiseentscheidungen nicht ab.

Welche Rolle spielen Gulf-Hubs für die Neither Economy?

Dubai, Doha und Abu Dhabi funktionieren als zentrale Drehscheiben für Millionen Arbeitnehmer aus Süd- und Südostasien. Störungen im Golf – wie durch den Iran-Krieg im Februar 2025 – treffen diese Passagiere sofort: Flug und Geldtransfer sind oft gleichzeitig betroffen.

Was empfiehlt der UN ESCAP Survey 2026 für grenzüberschreitende Reisende?

Der Bericht empfiehlt portable Sozialversicherung, interoperable digitale Zahlungssysteme und nachfragegetriebenes Wachstum durch regionale Binnennachfrage – statt Abhängigkeit von Exporten in westliche Märkte.

Wie kann die Reisebranche die Neither Economy besser erfassen?

Konkret helfen: neue Datenerhebung zu zirkulären Reisemustern, Verknüpfung von Remittance- und Buchungsdaten, Produkte mit flexiblen Umbuchungsoptionen und Kooperationen mit Geldtransferdiensten sowie Advocacy für portable Sozialversicherung auf Policy-Ebene.
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