Campbell Wilson verlässt Air India nach einem der turbulentesten Jahre in der Geschichte der Airline. Der Konzern schrieb 2025 einen Rekordverlust von über zwei Milliarden US-Dollar. Wer das Ruder übernimmt, steht noch nicht fest – der Tata-Konzern sucht aktiv nach einem Nachfolger.
Campbell Wilson hat genug. Nach rund drei Jahren als CEO von Air India kündigt er seinen Abgang an – und nimmt beim Wings Club in New York kein Blatt vor den Mund: „The person that takes over will have their hands full.“ Das ist keine Koketterie. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme.
Ein Absturz, der alles veränderte
Im Jahr 2024 verunglückte eine Air-India-Maschine. 260 Menschen starben. Der Absturz zog eine Welle regulatorischer Kontrolle nach sich, die das ohnehin straffe Transformationsprogramm der Airline vollständig aus dem Takt brachte. Die indische Luftfahrtbehörde DGCA verschärfte die Überwachung, Betriebsabläufe wurden durchleuchtet, Genehmigungsverfahren zogen sich in die Länge.
Gleichzeitig häuften sich externe Schocks: Der Iran-Krieg, die Sperrung des pakistanischen Luftraums für indische Fluggesellschaften, US-Strafzölle, ein Rückgang bei Geschäfts- und Studentenvisa sowie steigende Treibstoffpreise. Der indische Premier rief zeitweise dazu auf, internationale Reisen zu pausieren. Wilson fasste das vor Publikum schlicht zusammen: Die vergangenen zwölf Monate seien „by no means an easy or smooth ride“ gewesen.
- Rekordverlust: über 2 Milliarden USD im Geschäftsjahr 2025
- Ursachen: Luftraumsperrung Pakistan, Treibstoffpreise, regulatorischer Mehraufwand nach Absturz
- Geplante Rückkehr zur Profitabilität: vom Board abgelehnt, Zeitplan offen
- CEO-Nachfolge: Suchkomitee eingesetzt, Entscheidung ausstehend
Was Wilson aufgebaut hat – und was nicht fertig wurde
Wilsons Bilanz ist gespalten. Auf der Habenseite stehen strukturell wichtige Weichenstellungen: Air India hat eine der größten Flugzeugbestellungen der Luftfahrtgeschichte aufgegeben – über 470 Maschinen bei Airbus und Boeing. Die Business-Class-Kabinen wurden erneuert. Die Fusion mit Vistara, der gemeinsamen Airline von Tata und Singapore Airlines, wurde abgeschlossen. Das war operativ, rechtlich und kulturell komplex.
Auf der Sollseite: Der vom Management erarbeitete Dreijahresplan zur Rückkehr in die Gewinnzone wurde vom Board abgelehnt. Wilson selbst sagt, der Turnaround werde „take some more time“. Wie viel mehr, ließ er offen.
Wer kommt als Nächstes?
Der Tata-Konzern unter Chairman N. Chandrasekaran hat ein Suchkomitee eingesetzt. Wilson hatte seinen Abgang laut Berichten bereits 2024 gegenüber Chandrasekaran signalisiert und will im Amt bleiben, bis ein Nachfolger steht.
Als Kandidaten werden dem Vernehmen nach zwei Namen gehandelt: Vinod Kanan, Manager bei Singapore Airlines, und Nipun Aggarwal, aktuell Commercial Head bei Air India. Beide Namen stammen aus Branchenberichten – eine offizielle Bestätigung steht aus.
Was den Nachfolger erwartet
Die Ausgangslage für Wilsons Nachfolger ist herausfordernd. Drei Problemfelder sind besonders drückend:
- Regulatorischer Druck: Die DGCA-Überwachung nach dem Absturz läuft weiter. Operative Verbesserungen kosten Zeit und Kapital.
- Geopolitische Risiken: Die Sperrung des pakistanischen Luftraums verlängert Flugzeiten auf wichtigen Strecken Richtung Europa und USA – ein struktureller Kostennachteil gegenüber Pakistani und mittelöstlichen Carriern.
- Integrationsaufgaben: Die Fusion mit Vistara ist zwar vollzogen, aber IT-Systeme, Flotten-Management und Personalstrukturen müssen noch vollständig zusammenwachsen.
Dazu kommen die neuen Maschinen. Hunderte bestellte Flugzeuge werden in den nächsten Jahren ausgeliefert. Piloten, Crews und Wartungskapazitäten müssen mitwachsen – in einem Land, in dem qualifiziertes Luftfahrtpersonal knapp ist.
Turnaround mit langem Atem
Air India war vor der Übernahme durch Tata eine der dysfunktionalsten staatlichen Airlines Asiens – überschuldet, überpersonalisiert, technisch rückständig. Drei Jahre später hat die Airline eine neue Flotte bestellt, eine Konkurrentin integriert und das Produkt spürbar verbessert. Dass ein Verlust von zwei Milliarden Dollar den Fortschritt überlagert, ist schmerzhaft – aber nicht überraschend für eine Sanierung in dieser Größenordnung.
Wilson geht mit dem Hinweis, er wolle sicherstellen, dass „the right person has been chosen to continue the work“. Tata braucht jetzt jemanden, der regulatorische Geduld, operative Disziplin und den Mut mitbringt, einen Kurs durchzuhalten, dessen Ergebnisse noch Jahre auf sich warten lassen.


