Condor hat sich nach dem Verkauf aus dem Lufthansa-Konzern neu erfunden: Eigenes Zubringernetz, modernisierte Flotte mit Airbus A330neos, auffälliges Streifen-Branding. CEO Peter Gerber, seit Februar 2024 im Amt, will die Airline zum ernsthaften Transatlantik-Konkurrenten ausbauen – und sucht möglicherweise einen strategischen Investor aus dem Nahen Osten.
Buntgestreifte Jets, die auf Anhieb auffallen – das ist Condors sichtbarste Veränderung der letzten Jahre. Dahinter steckt aber ein tiefgreifender Umbau: Aus der jahrzehntelangen Freizeitflugtochter von Lufthansa soll eine unabhängige Netzwerkairline werden, die dem früheren Eigentümer auf Kurz- und Langstrecken Konkurrenz macht.
Peter Gerber, der im Februar 2024 den CEO-Posten übernahm – nach mehr als dreißig Jahren innerhalb der Lufthansa Group – hat das Tempo vorgegeben. Im Interview mit Skift skizzierte er, wie Condor die Transformation angeht, wo das Wachstum herkommen soll und warum die Airline für rund 40 Prozent ihrer Transatlantik-Passagiere im Sommer auf US-Kunden setzt.
Das Ende der Lufthansa-Abhängigkeit
Über ein halbes Jahrhundert war Condor das Leisure-Standbein der Lufthansa Group. Dann kam der Verkauf – und mit ihm die Frage, wie man ohne den konzerneigenen Zubringer überhaupt genug Passagiere auf die Langstrecke bekommt. Condors Antwort: ein eigenes Feeder-Netzwerk aufbauen, schnell.
Das ist keine Kleinigkeit. Lufthansa-Passagiere, die früher nahtlos auf Condor-Flüge umgebucht wurden, sind weggefallen. Stattdessen setzt Condor jetzt auf direkte Buchungen, Codeshare-Partnerschaften außerhalb des alten Konzernverbunds – und auf das Branding, das sofort auffällt.
- Gründung als Lufthansa-Tochter: 1955
- CEO seit Februar 2024: Peter Gerber (zuvor über 30 Jahre Lufthansa Group)
- Flotte: modernisiert mit Airbus A330neo auf der Langstrecke
- Transatlantik-Anteil US-Passagiere im Sommer: rund 40 %
- Amerikanische Destinationen: mehr als ein Dutzend Ziele in Nord- und Südamerika
- Eigentümer: Attestor Capital (britische Private-Equity-Firma); strategische Optionen für Anteilsverkauf laufen
Streifen als Strategie
Das Streifen-Design ist kein reiner Selbstzweck. Auf dem überfüllten Transatlantikmarkt, wo Lufthansa, United und Delta um dieselben Buchenden kämpfen, braucht Condor eine visuelle Eigenständigkeit. Die bonbonfarbenen Jets funktionieren als fliegende Werbefläche – und laut Gerber hat das Branding die Markenbekanntheit tatsächlich messbar gesteigert.
Für US-Reisende, die Condor bisher kaum kannten, ist das ein Ansatz: erst Aufmerksamkeit erzeugen, dann mit Preis und Direktverbindungen überzeugen. Die Airline fliegt aktuell mehr als zwölf Ziele in Nord- und Südamerika an – Städte, die häufig nicht im Kernfokus der großen Hubs liegen.
Rund 40 % der Condor-Sommerpassagiere auf dem Nordatlantik kommen aus den USA – eine Abhängigkeit, die gleichzeitig Chance und Risiko ist.Flottenwachstum und der Blick nach vorn
Gerber hat klare Wachstumsziele: Die Flotte soll größer werden, das Netz dichter. Die A330neo-Einführung auf der Langstrecke ist dabei der technische Kern – spritsparender, reichweitenstärker, komfortabler als die Vorgänger.
Was das konkret für neue Destinationen bedeutet, hat Condor noch nicht vollständig kommuniziert. Klar ist aber: Der Airline geht es darum, Märkte zu besetzen, die Lufthansa mit seinen höheren Kostenstrukturen weniger effizient bedienen kann. Der schlanke Kostenapparat eines früheren Charterspezialisten – umgebaut zur Linienstrategie – soll der entscheidende Hebel sein.
Investor aus dem Nahen Osten?
Condors Mehrheitseigentümer Attestor Capital hat signalisiert, dass strategische Optionen geprüft werden. Gerber bestätigte gegenüber Skift, dass eine Airline aus dem Nahen Osten als möglicher Anteilseigner im Gespräch sein könnte. Namen nannte er nicht.
Ein solcher Deal würde Condor in eine andere Liga heben: Kapital für Flottenwachstum, möglicherweise Netzwerk-Synergien über den Golf als Drehkreuz. Die Frage ist, ob und zu welchen Konditionen ein Partner einsteigt – und ob die operative Unabhängigkeit, die Condor gerade erst mühsam aufgebaut hat, dann erhalten bleibt.
Condors Transformation: Stärken und offene Flanken
Dafür spricht
- Schlanke Kostenstruktur gegenüber Netzwerkcarriern wie Lufthansa
- Auffälliges Branding mit nachweislich gestiegener Markenbekanntheit
- Starke US-Passagierbasis auf dem Nordatlantik (ca. 40 %)
- Modernisierte Langstreckenflotte mit A330neo
- CEO mit tiefer Branchenkenntnis aus über 30 Jahren Lufthansa Group
Dagegen spricht
- Kein konzerneigener Zubringer mehr – Passagierströme müssen neu aufgebaut werden
- US-Marktbekanntheit noch gering
- Eigentümerstruktur unklar – strategische Optionen offen
- Direkte Konkurrenz zu Lufthansa mit deutlich größerem Netz und Loyalitätsprogramm
Was das für die Reisebranche bedeutet
Condors Umbau ist mehr als eine Airline-Story. Wer im Reisebüro oder als DMO Nordatlantik-Verbindungen verkauft, bekommt mit Condor einen Anbieter, der gezielt in Nischen geht, die die großen Carrier weniger im Fokus haben. Günstigere Preise auf der Transatlantikstrecke, mehr Direktverbindungen abseits der Mega-Hubs – das kann für US-Incoming-Anbieter oder europäische Reiseveranstalter relevant sein.
Ob Condor den Sprung zum echten Netzwerkkonkurrenten schafft, hängt an drei Faktoren: Kapital für Flottenwachstum, der richtigen Investorenlösung – und dem Aufbau eines Direktbuchungs-Kundenstamms, der nicht mehr über Lufthansa läuft. Das dauert. Gerber weiß das. Er hat über drei Jahrzehnte gesehen, wie es von innen aussieht.


