Indien rangiert laut dem 2025 GBTA Business Travel Index auf Platz sechs der weltweiten Geschäftsreisemärkte. Das Ausgabenvolumen soll 2026 auf 48,3 Milliarden US-Dollar klettern – ein Plus von 12,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der globale Branchenverband GBTA hat darauf reagiert und seinen Indien-Ableger 2024 neu aufgestellt.
Indien wächst. Das klingt wie eine Binsenweisheit, stimmt aber gerade im Geschäftsreisesegment in einem Ausmaß, das die globale Branche aufhorchen lässt. Während Europa und Nordamerika nach der Pandemie in gemächlichem Tempo zurückgefunden haben, legt der indische Markt zweistellige Wachstumsraten hin.
Die Zahlen, die die Branche bewegen
2024 gaben indische Unternehmen laut GBTA-Daten 37,2 Milliarden US-Dollar für Geschäftsreisen aus. Für 2025 wurde ein Wachstum von 15,5 Prozent erwartet – mehr als doppelt so hoch wie das globale Mittel. Bis 2026 soll das Volumen auf 48,3 Milliarden steigen.
Was treibt das? Tech, Fertigung und Dienstleistungen ziehen Unternehmen aus aller Welt nach Indien – und umgekehrt reisen indische Konzerne verstärkt international. Accenture-Manager Amarnath Lal Das, India Travel Lead und GBTA-Boardmitglied, beschreibt den Grundton: Unternehmen priorisieren persönliche Meetings wieder, weil Vertrauen und Wachstum sich nicht per Videokonferenz allein aufbauen lassen.
Warum das Wachstum strukturell ist
Geschäftsreisen in Indien sind kein kurzfristiger Post-Pandemie-Bounce. Drei Faktoren machen das Wachstum dauerhaft:
- Wirtschaftsstruktur: Der IT-Sektor (Bengaluru, Hyderabad, Pune), die Fertigungsindustrie und ein wachsender Finanzdienstleistungssektor produzieren kontinuierlich Reisebedarf – intern wie international.
- Nachholbedarf bei Programm-Professionalität: Laut der gemeinsamen GBTA-Visa-Studie wollen 69 Prozent der befragten indischen Travel-Buyer ihr Inlandsprogramm ausbauen, 68 Prozent das internationale. Der Reifegrad ist aber noch niedrig – was Beratungs- und Technologieanbieter anzieht.
- Duty of Care und Compliance: Mit zunehmender internationaler Vernetzung steigt der Druck auf Unternehmen, Reisende abzusichern. Das schafft Nachfrage nach professionellem Travel Management – einem Bereich, der in Indien bisher weniger standardisiert war als etwa in Europa.
GBTA India: Neustart 2024
Der Branchenverband GBTA hat auf das Wachstum reagiert. 2024 wurde GBTA India als erweiterter Arm der APAC-Region offiziell neu aufgestellt. Das Ziel: Capability-Building, Standardisierung und globale Vernetzung für den indischen Markt.
Konkret lief das bisher so ab: Im November 2025 fand der GBTA India Summit in Gurgaon statt, im April 2026 folgte ein Regional Business Travel Forum in Hyderabad. Beide Veranstaltungen erreichten laut GBTA eine fast ausgeglichene Verteilung zwischen Käufer- und Anbieterseite – ein Zeichen dafür, dass der Markt Interesse an Austausch und Vernetzung zeigt.
- Travel-Policy-Entwicklung und -Benchmarking
- Payment-Systeme und Ausgabenmanagement
- Traveler Experience und Employee Well-being
- Duty of Care und Krisenmanagement
- Nachhaltigkeit im Reiseprogramm
- Professionalisierung über das GBTA India Advisory Board mit Senior-Führungskräften aus Corporates und Travel Companies
Was das für die globale Branche bedeutet
Indien auf Platz sechs – das ist keine Randnotiz. Für internationale Hotelketten, Airlines, TMCs und Technologieanbieter bedeutet das: Wer im indischen Geschäftsreisemarkt noch nicht positioniert ist, verliert Boden gegenüber denen, die es sind.
IHG etwa hat zuletzt mehrere Signings in Indien bekannt gegeben – darunter das Holiday Inn Resort Alwar und ein geplantes voco-Hotel in Lucknow. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Antwort auf steigende Nachfrage durch Corporate-Traveler aus dem In- und Ausland.
Für Travel Manager außerhalb Indiens lohnt sich ein anderer Blickwinkel: Über 68 Prozent der indischen Travel-Buyer planen, ihr internationales Reiseprogramm auszubauen. Das heißt mehr indische Geschäftsreisende, die nach Europa, in den Nahen Osten und nach Nordamerika fliegen – mit anderen Erwartungen an Hotelerlebnis, Payment und Duty-of-Care-Standards als westliche Traveler gewohnt sind.
Professionalisierung als eigentliche Chance
Das vielleicht relevanteste Signal aus den GBTA-Daten ist nicht das Volumen, sondern die Lücke: Nur 38 Prozent der indischen Travel-Buyer halten ihr eigenes Programm für ausgereift. Das ist eine direkte Einladung an Anbieter von TMC-Dienstleistungen, Expense-Management-Lösungen und Reisepolitik-Beratung.
- Standardisierte Reiserichtlinien nach globalen Best Practices einführen
- Consolidated Payment über Unternehmenskreditkarten und Virtual Cards
- Duty-of-Care-Tools mit Echtzeit-Tracking und Krisenprotokollen
- CO₂-Reporting als Bestandteil des Travel Managements
- Benchmarking gegen globale Programme über GBTA-Daten
Indien ist nicht mehr der aufstrebende Markt von morgen. Es ist der Markt von heute – mit 48 Milliarden Dollar Volumen bis Ende 2026 und einer Industrie, die gerade erst dabei ist, professionelle Strukturen aufzubauen. Das Fenster für Positionierung ist offen. Wie lange, entscheiden die nächsten zwei, drei Jahre.


