Der Nahostkonflikt löst eine Kerosinknappheit aus, die deutschen Flugverkehr zum stressigen Sommer macht: Kombinierte Kerosin-Importe aus USA und Nahem Osten lagen im April über 80 % unter dem Vormonat. Internationale Flugpreise sind bereits um 5–15 % gestiegen, viele Airlines führen Kerosinzuschläge von 20 bis 150 USD ein. Südwesteuropäische Ziele wie Spanien, Portugal, Italien und Griechenland profitieren von umgelenkten Reiseplänen.
Schlechtes Timing: Genau zur Hauptreisezeit trifft Deutschland eine Versorgungskrise bei Kerosin. Die Ursache liegt im Nahostkonflikt – und die Folgen zahlen Reisende direkt aus der Tasche.
82 % weniger Kerosin-Importe – was steckt dahinter?
Deutschland ist stark von importiertem Kerosin abhängig. Laut einer aktuellen Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade verzeichnete Deutschland im vergangenen Jahr bereits einen Versorgungsengpass von rund 100.000 Barrel Kerosin pro Tag – die heimischen Raffineriekapazitäten reichen schlicht nicht aus. Nur Großbritannien ist noch stärker abhängig von ausländischen Lieferungen.
Europa produziert insgesamt nur etwa 50–60 % seines Kerosinbedarfs selbst. Der Nahostkonflikt hat diese Versorgungsrouten massiv gestört. Als Reaktion stiegen US-Importe im März zwar um spektakuläre 782 % im Vergleich zum Vormonat – aber das reicht bei weitem nicht.
Die kombinierten Lieferungen von Flugzeugtreibstoff aus den USA und dem Nahen Osten im April lagen bisher über 80 % unter dem Vormonat. Die Folge: Die Vorräte bauen sich schnell ab und das Risiko physischer Knappheit im Frühsommer steigt.
– Maria Latorre, Branchenexpertin bei Allianz Trade
Seit Beginn der Krise haben sich die Kerosinpreise etwa verdoppelt. Die sogenannten Crack-Spreads – also die Preisdifferenz zwischen Rohöl und den fertigen Treibstoffprodukten – stiegen zeitweise auf über 100 USD pro Barrel.
Was das für deinen Sommerurlaub bedeutet
Treibstoff macht rund ein Drittel der Betriebskosten einer Airline aus. Bei doppelten Kerosinpreisen ist klar, wohin die Reise geht – im wörtlichen Sinne. Airlines reagieren auf zwei Arten: Sie kürzen Kapazitäten und sie erhöhen Preise.
Kerosinzuschläge sind zurück
Viele Gesellschaften führen wieder separate Kerosinzuschläge ein – ein Instrument, das viele schon für überwunden hielten. Die Bandbreite:
- Kurzstrecke und Mittelstrecke: 20–60 USD zusätzlich pro Ticket
- Langstrecke: 80–150 USD zusätzlich pro Ticket
- Gepäckgebühren und Sitzplatzreservierungen wurden ebenfalls erhöht
Kapazitätskürzungen – bisher moderat
Die angekündigten Streichungen halten sich in Europa noch in Grenzen: Bislang liegen die Kürzungen bei 2–5 % der Kapazität. Das klingt wenig, trifft aber Reisende auf beliebten Routen – vor allem auf Kurz- und Mittelstrecken.
- Frühbuchen: Wer noch keinen Flug für den Sommer hat, sollte nicht weiter warten – Preise steigen weiter
- Kerosinzuschläge bei der Buchung genau lesen: Sie erscheinen oft separat und nicht im Grundpreis
- Flexible Tickets prüfen: Umbuchungsoptionen können sich lohnen, falls sich die Lage weiter zuspitzt
- Alternativen erwägen: Bahn oder Fernbus für Kurzstrecken als Ausweichoption kalkulieren
- Reiserücktrittsversicherung: Bei teureren Langstreckenflügen sinnvoller denn je
Gewinner der Krise: Südeuropa boomt
Wer seinen Fernreise-Plan aufgibt, weicht auf europäische Ziele aus. Spanien, Portugal, Italien und Griechenland verzeichnen laut Allianz Trade zuletzt steigende Buchungszahlen – ein direkter Effekt der Unsicherheit rund um Fernziele und der steigenden Langstrecken-Ticketpreise.
Das ist für die Hospitality-Branche in Südwesteuropa eine echte Chance. Hotels in diesen Regionen sollten die erhöhte Nachfrage aktiv nutzen – mit gezielten Kampagnen für deutsche und nordeuropäische Gäste, die ihre Fernreisepläne umdisponieren.
Naher Osten: Der eigentliche Verlierer
Während Südeuropa profitiert, droht dem Tourismus im Nahen Osten ein drastischer Einbruch. Allianz Trade beziffert die gefährdeten Tourismuseinnahmen der Region für 2026 auf 60 Milliarden US-Dollar. Die Auswirkungen strahlen aus – auf Transitdrehkreuze in Asien und auf Destinationen in Afrika, die über Nahost-Hubs erreichbar sind.
Keine Entspannung nach dem Sommer
Wer hofft, dass nach der Hochsaison alles wieder günstiger wird, dürfte enttäuscht werden. Allianz Trade sieht keine kurzfristige Entspannung: Die strukturellen Lieferkettenstörungen bei Kerosin lösen sich nicht von selbst auf, sobald die Schulferien enden. Hohe Preise bleiben auch im Herbst ein realistisches Szenario.
Für die Reise- und Hotelbranche bedeutet das: Gäste werden ihre Budgets genauer kalkulieren. Wer als Destination oder Hotel überzeugt, wird von umgelenkten Reiseplänen profitieren – wer nicht liefert, verliert Buchungen an günstigere Alternativen.
