Viele Hotels geben Restbudget für beliebige Bilder aus – das Ergebnis ist Anonymität statt Atmosphäre. Kuratierte Kunst dagegen steigert nachweislich Verweildauer, Wiederbuchungsrate und rechtfertigt höhere Zimmerpreise. Das Berliner Boutiquehotel Château Royal zeigt, wie konsequente Kunstintegration den Charakter eines Hauses prägt.
Ein Hotel kann noch so hochwertig möbliert sein – hängen an den Wänden austauschbare Prints ohne Haltung, spüren Gäste das. Nicht bewusst, aber sie fühlen mehr Fremdheit, mehr Distanz. Das beschreibt Autor Alard von Kittlitz in der Zeit treffend: Selbst in teuren Häusern werde oft „Restbudget auf der Suche nach gerahmter Dekoration“ ausgegeben.
Das klingt hart. Ist es aber auch eine Chance.
Was Kunst mit Gästen macht
Franziska Scheuerle, Gründerin und Geschäftsführerin von La Maison Loremo, kuratiert Kunst für Hotelprojekte und kennt den Unterschied zwischen Dekoration und Wirkung: „Kunst in Hotels ist weit mehr als ‚Wandfüllung'. Sie prägt Atmosphäre, Identität und Erinnerung. Während austauschbare Dekoration oft übersehen wird, lädt kuratierte Kunst einen Aufenthalt emotional auf und verleiht ihm Tiefe.“
Der Effekt ist messbar, wie Scheuerle betont: „Kunst kann die Verweildauer in Lobbys erhöhen, die Wiederbuchungsrate steigern und sogar höhere Zimmerpreise ermöglichen.“
Kunst regt an, ermutigt, inspiriert. Es gibt keinen Raum, der nicht durch Kunst gewinnt.
– Olaf Kitzig, Gründer und CEO, Kitzig Design Studios
Olaf Kitzig, Gründer und CEO der Kitzig Design Studios, formuliert es noch knapper: Es gibt schlicht keinen Raum, der durch Kunst verliert.
Château Royal Berlin: Kunst als Hausgeist
Das Berliner Boutiquehotel Château Royal zeigt, wie das in der Praxis aussieht. Zeitgenössische Kunst ist hier kein Add-on, sondern Grundprinzip. Die meisten Werke hängen dauerhaft – sie sind Teil des Hauses, nicht Leihgabe auf Zeit. Der Spirit des Hotels entsteht so nicht durch die Zimmer allein, sondern durch das Gesamtbild, das sich Gäste beim Durchschreiten der Räume zusammensetzen.
Genau das unterscheidet kuratierte Kunst von beliebiger Wandfüllung: Sie erzählt etwas. Über den Ort, über die Haltung des Hauses, über die Menschen, die das Hotel betreiben.
Warum die meisten Hotels es falsch machen
Das Problem ist strukturell. Kunstbudgets werden oft als letzter Posten im Inneneinrichtungsbudget behandelt – was übrig bleibt, wird für Bilder ausgegeben. Das Ergebnis sind Motive, die zu keiner Zeit und keinem Ort gehören: abstrakte Farbrechtecke, generische Stadtansichten, nichtssagende Schwarz-Weiß-Fotografie.
- Kunst als Restposten kommuniziert unbewusst: Dieser Ort hat keine Haltung.
- Gäste registrieren Beliebigkeit – auch wenn sie es nicht aktiv benennen.
- Fehlende Gesprächsanlässe bedeuten weniger soziale Interaktion in Lobby und Bar.
- Ohne visuelle Identität wird das Hotel schnell vergessen – Wiederbuchung sinkt.
Strategische Kunstintegration: Wie es funktioniert
Kuratorische Haltung entwickeln
Vor dem ersten Kunstkauf steht eine Frage: Was soll dieses Haus erzählen? Ein Stadthotel in Hamburg kann lokale Hafenkünstler zeigen. Ein Bergresort kann sich mit Landschaftsmalerei auseinandersetzen – nicht als Postkarte, sondern als Auseinandersetzung. Die Auswahl folgt dann dieser Haltung, nicht dem Listenpreis.
Mit Profis arbeiten
Kunstberater und Kurationsbüros wie La Maison Loremo haben Zugang zu Künstlern und Galerien, kennen Lizenzmodelle, Mietkonzepte und wissen, welche Werke in welchem Licht funktionieren. Der Aufwand zahlt sich aus – auch finanziell.
Rotation als Konzept
Permanente Sammlungen geben einem Hotel Charakter. Wechselnde Ausstellungen geben Stammgästen einen Grund zurückzukommen. Beide Modelle schließen sich nicht aus – viele Hotels kombinieren einen festen Kern mit regelmäßig rotierenden Werken in Fluren oder öffentlichen Bereichen.
Kunst in die Guest Journey einbinden
Werke, die im Check-in-Bereich hängen, können kurz vorgestellt werden. Zimmermappen oder Hotel-Apps können QR-Codes zur Künstlerbiografie enthalten. Nichts davon ist zwingend – aber es macht aus einem Bild an der Wand ein Gesprächsthema.
- Haltung definieren: Was soll das Haus erzählen?
- Budget frühzeitig im Planungsprozess einplanen – nicht als Restposten
- Kuratorin oder Kunstberater hinzuziehen (Kauf, Miete oder Kooperation prüfen)
- Lokale Künstler und Galerien aktiv ansprechen
- Permanente Werke + Rotationskonzept kombinieren
- Werk-Beschreibungen für Gäste bereitstellen (Mappe, App, QR)
- Mitarbeitende briefen: Was hängt hier – und warum?
Kunst rechnet sich – wenn sie stimmt
Höhere Zimmerpreise durch Kunst klingen nach Marketingversprechen. Sind es aber nicht. Gäste zahlen mehr für Orte, die sich anfühlen wie ein Ort. Kunst ist ein starkes Mittel dafür – weil sie Geschichten erzählt, Gesprächsanlässe schafft und visuelle Erinnerungen hinterlässt, die länger haften als ein bequemes Bett.
Das Château Royal in Berlin ist kein Einzelfall. Hotels wie das 25hours oder das Michelberger Hotel in Berlin setzen ebenfalls auf kuratierte Kunstkonzepte mit klarer Handschrift. Was sie verbindet: Die Entscheidung für Kunst fiel früh – nicht als letzter Schritt.

