Expedia ist heute ein anderes Unternehmen als 2017. B2B macht inzwischen 38 % des Umsatzes aus – und wächst dreimal schneller als das Konsumentengeschäft. Mit Ariane Gorin an der Spitze, die das B2B-Geschäft selbst aufgebaut hat, ist der strategische Schwenk zur Infrastruktur-Plattform besiegelt.
Als Dara Khosrowshahi im August 2017 Expedia verließ, um Uber zu übernehmen, hinterließ er einen Konzern, der vor allem als Sammlung konkurrierender Konsumentenmarken bekannt war: Expedia, Hotels.com, Vrbo, Orbitz, Travelocity – jede mit eigenem Tech-Stack, eigener Marketinglogik, eigenem Overhead. Was folgte, war eine der gründlichsten Umbauten in der Geschichte des Online-Reisemarkts.
Drei CEOs, eine Richtung
Nach Khosrowshahi übernahm Mark Okerstrom, der 2019 im Streit mit dem Verwaltungsrat abtrat. Peter Kern führte das Unternehmen durch die Pandemie – mit Milliarden an Kostenkürzungen, massiven Layoffs und dem Entschluss, den gesamten Tech-Stack neu aufzubauen. Seit 2024 ist Ariane Gorin CEO – die Frau, die das B2B-Geschäft von Expedia aufgebaut hat.
Das ist kein Zufall. Es ist ein Signal.
Was sich wirklich verändert hat
Der Kern des Wandels ist nicht die Markenkonsolidierung – die war eher Aufräumarbeit. Das eigentliche Umdenken betrifft die Frage, wofür Expedia sein Tech-Stack existiert. Früher baute man Infrastruktur, damit Hotels.com und Orbitz Tickets verkaufen konnten. Heute ist die Infrastruktur das Produkt – und die Konsumentenmarken sind Kunden derselben Plattform, wie andere B2B-Partner auch.
B2B als Umsatzmotor bedeutet konkret: Expedia liefert Technologie, Inventar und Buchungs-APIs an Fluggesellschaften, Banken, Loyalty-Programme und andere Reiseanbieter. Wer früher das Frontend im Browser sah, sieht heute oft Expedia-Infrastruktur im Hintergrund, ohne es zu wissen.
Tiqets und CarTrawler: was die Zukäufe verraten
Tiqets ist ein Distributions-Marktplatz für Museen, Attraktionen und Erlebnisse – Expedia holt sich damit ein Segment, das nach der Pandemie massiv gewachsen ist: Experiences. CarTrawler liefert White-Label-Mietwagenintegration für Airlines und andere Travel-Player. Beide Deals folgen derselben Logik: kein Konsumentenmarketing, sondern B2B-Infrastruktur mit Netzwerkeffekt.
- Expedia Partner Solutions: API-Zugang zu Millionen Hotels, Flügen und Mietwagen für externe Plattformen
- Vrbo als B2B-Inventar: Ferienwohnungen auch für Drittanbieter buchbar
- Tiqets (ab Feb. 2026): Erlebnisse und Attraktionen für Airlines, Hotels, Loyalty-Apps
- CarTrawler (angekündigt 2026): Mietwagen-White-Label für Airlines und Travel-Plattformen
- Alfonso Paredes ist jetzt Chief Commercial Officer – zusätzlich zu seinen bisherigen B2B-Aufgaben
Die Gorin-Ära: B2B als Hauptgeschäft
Ariane Gorins Aufstieg zur CEO ist das klarste Zeichen, wohin die Reise geht. Sie hat das B2B-Segment aufgebaut, skaliert und profitabel gemacht. Dass jetzt auch Alfonso Paredes als Chief Commercial Officer zusätzlich zu seinen B2B-Aufgaben verantwortet, zeigt: Die kommerzielle Führung des Unternehmens denkt von B2B her – und behandelt die Konsumentenmarken als einen Kanal unter mehreren.
Das ist ein fundamentaler Bruch mit der Identität, die Expedia über zwei Jahrzehnte gepflegt hat. Lange war das Ziel, der bekannteste Name im Online-Reisemarkt zu sein. Heute ist das Ziel, die Infrastruktur zu sein, auf der andere ihren Reisemarkt aufbauen.
Was das für die Hotelbranche bedeutet
Für Hotels und Hotelketten ändert sich die Machtdynamik. Expedia war lange ein notwendiges Übel – teurer Distributionskanal, aber unverzichtbar für Reichweite. Mit dem B2B-Pivot wird Expedia zunehmend ein Infrastruktur-Partner, der tiefer in interne Systeme integriert ist: Inventory-Management, Loyalty, Payments, Experiences.
Das kann Effizienz bringen. Es schafft aber auch neue Abhängigkeiten – diesmal nicht auf der Sichtbarkeitsebene, sondern auf der technischen. Wer CarTrawler-Mietwagen über Expedia-APIs vertreibt oder Tiqets-Erlebnisse in sein Loyalty-Programm integriert, hat Expedia tiefer im System als je zuvor.
Shareholder first – und danach?
Ein weiterer Aspekt der Transformation: Expedia hat die Kapitalallokation klar in Richtung Aktionärsrenditen verschoben. Aktienrückkäufe und Dividenden statt aggressivem Marketing-Wettrüsten gegen Booking Holdings. Das ist die Sprache eines Unternehmens, das Reife signalisiert – und seinen Investoren zeigt, dass die Wachstumsphase vorbei, die Profitabilitätsphase angebrochen ist.
Ob das reicht, um gegenüber Booking Holdings aufzuholen, bleibt offen. Booking ist im Konsumentengeschäft weiterhin dominant, arbeitet ebenfalls an B2B-Infrastruktur und hat mit Booking.com eine stärkere globale Marke außerhalb der USA. Der Wettbewerb verlagert sich – von der Startseite in den Stack.


