Sabre hat sein stärkstes Quartal seit über zwei Jahren gemeldet – und die Bühne genutzt, um Amadeus öffentlich des Missbrauchs einer Monopolstellung zu beschuldigen. Im Kern: Amadeus soll Airlines systematisch daran hindern, bei neuen Offer-&-Order-Lösungen auf Anbieter wie Sabre zu wechseln. Sabre prüft jetzt regulatorische und rechtliche Schritte.
Vorwurf auf offener Bühne
Earning Calls sind selten der Ort für Kampfansagen. Sabre-CEO Kurt Ekert machte Q1 2026 zur Ausnahme. Nach dem stärksten Quartalsergebnis seit mehr als zwei Jahren griff er Amadeus frontal an – öffentlich, mit konkreten Worten.
„We believe Amadeus [has] a dominant monopoly position, and they're basically making it very difficult for airlines to choose anybody but Amadeus for the new offer and order solutions. So we're working on approaches to that from a regulatory and a legal standpoint.“
– Kurt Ekert, CEO Sabre, auf dem Earnings Call vom 7. Mai 2026
Gegenüber Skift legte Ekert nach – konkrete Klagen hat er aber noch nicht bestätigt. Die Richtung ist klar: Sabre will das Thema regulatorisch und juristisch aufmachen.
Worum geht es konkret?
Der Konflikt dreht sich um das sogenannte Altéa-System von Amadeus – ein Passenger Service System (PSS), das viele der weltweit größten Airlines für Buchung, Check-in und Boarding nutzt. Sabre sieht Altéa als Hebel, mit dem Amadeus den Wechsel zu Konkurrenzlösungen bei neuen, modularen Airline-IT-Architekturen erschwert.
Der Hintergrund: Die Branche bewegt sich weg von monolithischen PSS-Stacks hin zu offeneren „Offer, Order, Settlement and Delivery“-Architekturen (OSD). Sabre hat genau dafür ein KI-gestütztes Produkt entwickelt – und sieht seinen Marktzugang durch Amadeus' Stellung blockiert.
OSD ist das neue Paradigma in der Airline-IT. Statt starrer Buchungsklassen und IATA-Tarifen können Airlines damit individuelle Angebote in Echtzeit erstellen, direkt abwickeln und ausliefern – ohne klassischen PNR (Passenger Name Record). IATA treibt den Standard unter dem Begriff New Distribution Capability (NDC) und ONE Order voran. Der Markt steht noch am Anfang – weshalb der Kampf um Marktanteile jetzt geführt wird.
Kein unbekanntes Terrain
Dass Amadeus und Sabre gemeinsam im Regulatorik-Fadenkreuz stehen, ist nicht neu. Die Europäische Kommission hatte bereits eine rund 30-monatige Untersuchung beider Unternehmen wegen wettbewerbsbeschränkender GDS-Verträge geführt – und das Verfahren schließlich eingestellt. Jetzt könnte Sabre die Seiten wechseln: vom Mituntersuchten zum Beschwerdeführer.
- Amadeus Altéa: weltweit eines der meistgenutzten Passenger Service Systeme
- Sabre OSD: KI-gestützte Architektur für individualisierte Airline-Angebote
- Regulatorisches Risiko: EU-Wettbewerbsrecht, mögliche Beschwerden bei nationalen Kartellbehörden
- Präzedenz: frühere EC-Untersuchung zu GDS-Verträgen von Amadeus und Sabre (eingestellt)
Sabres KI-Ambitionen: 30+ Partner schon dabei
Parallel zum Angriff auf Amadeus baut Sabre sein KI-Geschäft aus. Laut Earnings-Unterlagen pilotieren oder nutzen bereits über 30 Partner Sabres APIs und Server für sogenannte Agentic AI-Anwendungen im Reisebereich – also KI-Systeme, die eigenständig Buchungen recherchieren, vergleichen und abschließen können.
Sabre kooperiert dabei nach eigenen Angaben mit führenden KI-Plattformen – Namen nannte Ekert nicht explizit. Das Ziel: Sabres OSD-Technologie als bevorzugte Schnittstelle für KI-gestützte Buchungssysteme zu positionieren, bevor der Markt sich konsolidiert.
Starkes Quartal, vorsichtiger Ausblick
Die Zahlen, die Ekert am 7. Mai präsentierte, geben ihm Rückenwind für die Offensive. Sabre verzeichnete Umsatz- und Buchungswachstum – das stärkste Quartalsergebnis seit über zwei Jahren. Den Ausblick für den Rest des Jahres hielt das Unternehmen dennoch bewusst zurück.
Grund: die anhaltenden Auswirkungen des Nahostkonflikts auf die globale Reisenachfrage. Sabre beobachtet spürbare Effekte auf Buchungsvolumina in betroffenen Regionen – und will keine Prognosen abgeben, die von geopolitischen Eskalationen wieder eingeholt werden.
- Stärkstes Quartal seit über zwei Jahren
- Umsatz- und Buchungswachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
- Über 30 Partner in Agentic-AI-Piloten oder aktivem Einsatz
- Vorsichtiger Jahresausblick wegen Nahostkonflikt-Effekten auf Reisenachfrage
- Keine konkreten Rechtsschritte gegen Amadeus bisher bestätigt
Was bedeutet das für die Branche?
Der Airline-IT-Markt steckt in einem Umbruch, der sich seit Jahren ankündigt und jetzt Fahrt aufnimmt. Die klassischen PSS-Anbieter – Amadeus, Sabre, SITA – stehen unter Druck durch neue, modulare Architekturen. Wer den OSD-Standard kontrolliert, kontrolliert, wie Airlines künftig Tickets verkaufen.
Sabres öffentliche Kampfansage ist deshalb mehr als PR: Es ist der Versuch, das Rennen regulatorisch zu öffnen, bevor Amadeus' Installationsbasis aus Altéa-Kunden zum strukturellen Vorteil bei OSD wird. Ob Behörden das ähnlich sehen, wird sich zeigen – die Geschichte dieser beiden Unternehmen vor der EU-Kommission zeigt, dass solche Verfahren lang dauern und oft ohne klares Ergebnis enden.

