Agoda-CEO Omri Morgenshtern hat auf dem Skift Asia Forum in Thailand erklärt, wie der Booking-Holdings-Ableger sein gesamtes Geschäft von Grund auf mit mehreren KI-Agenten umbaut. Ziel: eine einheitliche, KI-gesteuerte Reiseerfahrung. Vibe Coding ist bei Agoda längst kein Thema mehr – „every engineer is doing it.“ Die eigentliche Herausforderung liegt jetzt darin, die Agenten miteinander zu verbinden.
Nicht ein Agent, sondern viele
Die meisten Tech-Unternehmen reden über KI. Agoda baut damit um. CEO Omri Morgenshtern macht auf dem Skift Asia Forum 2025 deutlich, wo der Unterschied liegt: Statt einen zentralen KI-Layer über das bestehende System zu legen, setzt Agoda auf spezialisierte Agenten für einzelne Bereiche – Sicherheit, Compliance, Nutzererfahrung – und verbindet diese dann schrittweise miteinander.
„Bottom up, multiple agents, rather than just building an experience top down“ – so beschreibt Morgenshtern den Ansatz. Was banal klingt, ist architektonisch ein erheblicher Unterschied: Jeder Agent ist für seinen Bereich optimiert und wird dann in eine übergeordnete Plattform integriert, statt dass eine einzige Lösung alle Aufgaben übernehmen soll.
Vibe Coding: schon wieder überholt
Vor einem Jahr war KI-assistiertes Programmieren noch ein Thema auf Konferenzen. Bei Agoda ist es Alltag. „Every engineer is doing it“, sagt Morgenshtern – und macht damit klar, dass der nächste Schritt bereits läuft: KI-generierter Code soll bald einen signifikanten Teil der gesamten Entwicklungsleistung ausmachen.
CTO Idan Zalzberg geht noch weiter. Laut Berichten vom Tech Innovation Tour des Unternehmens nutzt Agoda eine Agentic Platform, in die Agoda-spezifischer Kontext, eigene Datenbanken und Deployment-Protokolle eingebettet sind. Die Agenten verhalten sich dabei laut Unternehmensangaben „wie menschliche Ingenieure“ – kennen die internen Standards und arbeiten direkt in der Produktionsumgebung.
- Agoda gehört zu Booking Holdings – zusammen mit Booking.com, Kayak, Priceline und OpenTable
- Schwerpunkt: Asien-Pazifik, starkes Wachstum in Märkten wie Indien, Thailand, Südkorea
- Laut CTO Zalzberg gilt Indien als einer der größten Wachstumsmärkte für Agoda
- Einsatzfelder der KI-Agenten: Sicherheit, Compliance, Customer Experience, Code-Entwicklung
- Erfolgreichste bisherige GenAI-Implementierung laut Unternehmensangaben: KI-Chatbot auf Hotelseiten zur Datennavigation
Der echte Pain Point: Preis
Morgenshtern nennt Preis als den zentralen Schmerzpunkt der Reisenden. KI soll dabei helfen, diesen schneller und präziser zu lösen – sowohl in der Planung als auch in der Buchung. Ziel ist es, den gesamten Prozess von der Suche bis zur Buchung zu beschleunigen und zu vereinfachen.
Das klingt nach Standard-OTA-Versprechen. Der Unterschied liegt im Ansatz: Während klassische OTAs Preisoptimierung über Algorithmen lösen, kann ein KI-Agent kontextsensitiv reagieren – auf Reiseziel, Reisezeitraum, Nutzerpräferenzen und Verfügbarkeit gleichzeitig. Wie weit Agoda hier tatsächlich ist, lässt sich von außen nicht vollständig beurteilen – die Unternehmensangaben dazu sind bislang skizzenhaft.
B2B als nächster Wachstumshebel
Neben dem Endkundengeschäft sieht Morgenshtern erhebliches Potenzial im B2B-Segment. Konkret: eine engere Zusammenarbeit innerhalb von Booking Holdings, um das B2B-Reisegeschäft gemeinsam zu adressieren. Details nannte er nicht, aber die Richtung ist klar – das Agenten-Ökosystem soll nicht nur für Konsumenten, sondern auch für Geschäftsreise-Buchungen und Partner-Schnittstellen nutzbar gemacht werden.
Was bedeutet das für die Hotelbranche?
Für Hotels, die über Agoda distribuieren, hat dieser Umbau konkrete Konsequenzen. Ein KI-Agent, der Hotelseiten eigenständig analysiert und Gästen Fragen beantwortet, verändert, welche Daten Hotels bereitstellen müssen – und in welcher Qualität. Schlechte Beschreibungen, fehlende Ausstattungsdetails oder inkonsistente Preise fallen einem solchen System schneller auf.
- Hotelprofile müssen maschinenlesbar und vollständig sein
- Preisparität wird durch KI-Agenten noch stärker geprüft
- Antwortzeiten auf Gästeanfragen werden zum Ranking-Faktor
- B2B-Integration über Booking Holdings könnte neue Distributionskanäle öffnen
- KI-gestützter Chatbot auf Profilseiten verändert, wie Gäste Entscheidungen treffen
Kann das reichen – wenn LLMs direkt buchen?
Die eigentliche strategische Frage stellt Skift selbst: Was passiert, wenn große Sprachmodelle – Google Gemini, ChatGPT, Perplexity – irgendwann selbst Hotels buchen, ohne dass Nutzer noch eine OTA-Oberfläche öffnen? Dann bräuchte es keinen Agoda-Chatbot mehr, sondern nur noch eine API.
Morgenshterns Antwort darauf ist implizit: Wer sein eigenes Agenten-Ökosystem aufgebaut hat, kann dieses auch als Backend für externe LLMs positionieren. Der Umbau „von unten“ ist damit nicht nur eine Effizienzmaßnahme – er ist eine Absicherung gegen das Szenario, in dem OTA-Frontends irrelevant werden. Ob das aufgeht, wird sich in den nächsten zwei bis drei Jahren zeigen.
