Beim Skift Forum Asia in Bangkok diskutierten Investoren und Gründer über die nächste Welle der Reisedistribution. Investor Roger Sharp sieht KI als Auslöser einer zweiten OTA-Revolution – vergleichbar mit dem Aufstieg von Booking.com und Expedia in den frühen 2000ern. Viele Gründer fokussieren sich dagegen zunächst auf operative KI-Anwendungen und die bestehende Infrastruktur. Das zentrale Hindernis: Vertrauen der Verbraucher und schlechte Datenqualität.
Roger Sharp hat schon einmal gesehen, wie sich Reisedistribution neu verdrahtet. Als die ersten Online-Reisebüros in den frühen 2000ern auftauchten, wanderten Milliarden an Hotel- und Airline-Einnahmen durch eine Handvoll neuer Plattformen. Jetzt, sagt Sharp – Chair von Web Travel Group und North Ridge Partners – passiert das Gleiche wieder. Nur schneller.
Auf dem Skift Forum Asia in Bangkok nannte er es „OTA mark two“: eine neue Generation von Online-Reisebüros, diesmal angetrieben durch KI. Die alten Incumbents – Booking Holdings, Expedia, Trip.com – verschwinden nicht. Sie haben das Kapital und das institutionelle Wissen, um sich anzupassen. Aber die Richtung der Disruption sei gesetzt.
Investoren sehen das nächste große Ding
Die Investoren-These ist klar: KI macht es erstmals möglich, dass neue Plattformen die Reisebuchung grundlegend neu gestalten – personalisiert, konversational, ohne klassisches Suchergebnis-Interface. Wer jetzt baut, kann in zehn Jahren dort stehen, wo Booking.com heute steht.
Kapital fließt entsprechend. Risikokapitalgeber setzen auf KI-native Reiseplattformen, die Buchungen direkt über Chatbots, Agenten oder integrierte Assistenten abwickeln sollen – ohne dass der Nutzer je eine klassische OTA-Suchmaske öffnet.
- Konversational: Buchungen via KI-Assistent statt klassischer Suchmaske
- Agentenbasiert: KI trifft Vorauswahl, vergleicht Optionen, schlägt Pakete vor
- Personalisiert: Nutzerverhalten und Präferenzen statt generischer Preislisten
- Plattformunabhängig: Distribution über WhatsApp, Apps, eingebettete Assistenten
- Direkte Transaktionen: Buchung innerhalb des KI-Interfaces, kein Redirect nötig
Gründer: Erst mal die Basis sauber machen
Die Realität auf Gründer-Seite klingt nüchterner. Ritwik Khare, Gründer der indischen Luxusferienvermietungsplattform Elivaas, war ebenfalls auf dem Panel – und sein Fokus liegt nicht auf der Disruption der Distribution, sondern auf der Integration in bestehende Kanäle.
Das ist kein Einzelfall. Viele Travel-Tech-Gründer setzen KI heute primär operativ ein: automatisierte Preisanpassung, Backend-Prozesse, Kundensupport-Bots, Inhaltsgenerierung für Listings. Die Buchung selbst – der eigentliche Transakktionsmoment – bleibt überwiegend in klassischen Infrastrukturen.
Die zwei großen Bremsklötze
Vertrauen der Verbraucher
Eine KI bucht eigenständig Flug, Hotel und Transfer – klingt komfortabel. Aber würdest du einer KI wirklich erlauben, 2.000 Euro für deinen Sommerurlaub auszugeben, ohne dass du jeden Schritt kontrollierst? Die meisten Verbraucher noch nicht.
Vertrauen ist in der Reisebuchung besonders fragil. Fehler haben direkte, erlebbare Konsequenzen: Doppelbuchungen, falsche Kategorien, verpasste Stornofristen. Bis KI-Systeme dieses Vertrauen in der breiten Masse aufgebaut haben, bleibt der Mensch im Loop.
Datenchaos als Infrastrukturproblem
KI braucht saubere, strukturierte Daten. Die Realität der Reisebranche: ein Flickenteppich aus Jahrzehnte alten GDS-Systemen, proprietären Channel-Managern, inkonsistenten Hoteldaten und fragmentierten Inventardatenbanken.
Bevor große KI-Modelle zuverlässig buchen können, müssen diese Datensilos geöffnet und harmonisiert werden. Das ist kein KI-Problem – das ist ein Infrastrukturproblem, das Branchenakteure seit Jahren vor sich herschieben.
Was KI heute wirklich in der Reisebranche leistet
Abseits der Investoren-Narrative ist KI in der Travel-Branche längst produktiv – nur eben nicht dort, wo die große Disruption erwartet wird. Die tatsächlichen Einsatzfelder heute:
- Dynamische Preisanpassung in Echtzeit (Revenue Management)
- Automatisierte Beantwortung von Gästeanfragen (Chatbots, E-Mail-Triage)
- Inhaltsgenerierung für Listings, Produktbeschreibungen, SEO-Texte
- Fraud Detection bei Buchungen und Zahlungen
- Personalisierte Empfehlungen auf Basis von Buchungshistorie
- Predictive Analytics für Nachfrageprognosen
Das sind keine kleinen Optimierungen – sie sparen reale Kosten und steigern Conversion. Aber sie verändern nicht, wer die Distribution kontrolliert. Das bleibt vorerst bei den etablierten OTAs.
Für Hotels: Was bedeutet das konkret?
Wenn OTA 2.0 kommt – egal ob in fünf oder fünfzehn Jahren – verschiebt sich die Machtfrage erneut. Wer dann die Buchungsintention des Gastes abfängt, bestimmt die Kommissionsstruktur der Branche. Hotels sollten das nicht passiv beobachten.
DirektbuchungsstrategieDie wichtigste Lehre aus OTA 1.0: Wer zu spät auf Direktbuchungen setzt, zahlt jahrelang hohe Kommissionen. Hotels, die heute ihre Datenbasis aufbauen – saubere Gästeprofile, eigene CRM-Systeme, direkte Kommunikationskanäle – sind in einer besseren Position, wenn KI-Agenten die nächste Buchungsrunde einläuten.
- Datenbasis aufräumen: Saubere, strukturierte Gästedaten sind die Voraussetzung dafür, dass KI-Tools überhaupt funktionieren können – intern wie extern.
- Direktkanäle stärken: Newsletter, Loyalty-Programme, direkte App-Kommunikation reduzieren die Abhängigkeit von Drittplattformen – egal welcher Generation.
- Tech-Stack evaluieren: PMS, Channel Manager und CRM sollten API-fähig sein. Wer auf proprietäre Insellösungen setzt, wird bei der nächsten Integrationswelle abgehängt.
OTA 2.0 kommt. Wann genau – und welche Plattformen davon profitieren – ist noch offen. Roger Sharp und die Investoren auf dem Skift Forum Asia haben die Richtung eingeschlagen. Ob die Gründer, die gerade noch alte Infrastruktur integrieren, die neuen Distributoren von morgen bauen oder ob das wieder eine neue Spielerklasse übernimmt: Das wird die spannende Frage der nächsten Dekade in der Travel-Tech sein.
